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„In schwierigen Zeiten ist die Solidarität wichtig“

Wenn eine ganze Branche vom Lockdown betroffen ist, dann beschäftigt das auch ihren Verband. Robert Grauwiller, Präsident des Verbands Schweizer Goldschmiede und Uhrenfachgeschäfte (VSGU), hat alle Hände voll zu tun.

Gold’Or: Robert Grauwiller, was tut ein Verbandspräsident während des Lockdowns?

Robert Grauwiller: Die Qualität und die Mitgliedernähe eines Verbands lassen sich in einer Krise wie der jetzigen wohl am besten überprüfen. Entsprechend sind der Präsident, der Geschäftsführer und der Vorstand gefordert. Die Zeit seit dem Lockdown ist sehr arbeitsintensiv. Ein Freund brachte es auf den Punkt: „So hast du dir dein Engagement wohl nicht vorgestellt, als du das VSGU-Präsidium übernahmst“. Persönliche und geschäftliche Dinge bleiben liegen, das ist nun einfach so und wird sich auch wieder ändern.

Worin bestehen Ihre aktuellen VSGU-Tätigkeiten?

Zurzeit geht es vor allem um Themen rund um das aktuelle Coronavirus. Wir erhalten viele Fragen von Mitgliedern, die wir selbst oder in Zusammenarbeit mit unserer Rechtsabteilung beantworten. Es geht um die Kurzarbeits-Regelung, um den Lohnausfall für den Geschäftsinhaber, um Fragen zur Miete und aktuell um Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Lockerung. Dabei steht das Schutzkonzept im Zentrum, das die Bijouterien und Goldschmiede gemäss der eidgenössischen Corona-Verordnung vorweisen müssen, um am 11. Mai ihr Geschäft wieder zu öffnen. Seit Beginn der Krise haben wir diese Themen in zwölf Mitglieder-Informationen veröffentlicht, in Deutsch und Französisch, und werden dies weiter tun, solange wir unsere Mitglieder unterstützen können.

Was beinhaltet dieses Schutzkonzept?

Es geht um administrative und organisatorische Aspekte, zum Beispiel darum, wie der nötige Abstand zwischen Personen im Geschäft eingehalten werden kann, oder um die Installation einer Acrylglaswand. Der Frage, ob und wie die Sicherheit bei einer Maskenpflicht gewährleistet ist, gehen wir ebenfalls nach. Das Ziel ist der gesundheitliche Schutz von Mitarbeitenden und Kunden. Jedes Verbandsmitglied kann unser Konzept als Basis übernehmen. Wer nicht Mitglied in einem Verband ist, muss sein eigenes Schutzkonzept schreiben. Dies steht so in der Corona-Verordnung.

Weshalb sind Sie so strikt, Sie könnten der ganzen Branche einen Dienst erweisen?

Sehen Sie es so: Nur Dank unseren Mitgliedern gibt es den VSGU. Und dank dem VSGU können in aufwändiger Arbeit ein Schutzkonzept erstellt oder tagesaktuelle Informationen recherchiert werden. Wäre das jedem zugänglich, dann würde sich das Mitglied die berechtigte Frage stellen, wozu seine VSGU-Mitgliedschaft überhaupt nötig ist. Damit sind wir wieder am Anfang meiner Antwort: Was wäre, wenn es den VSGU nicht gäbe?

Weshalb durfte ein Coiffeur seinen Salon am 27. April wieder öffnen und ein Goldschmied nicht? War das Lobbying des Coiffeur-Verbands besser?

Beim Lockdown im März ging es darum, die Ansteckungsgefahr von Covid-19 zu minimieren und so einen Zusammenbruch des Schweizer Gesundheitswesens zu verhindern. Ich war, wie Sie wohl auch, erstaunt als ich von den Coiffeuren hörte. Der Bundesrat begründete den Schritt damit, dass es sich um personenbezogene Dienstleistungen handelt. Dort ist das Personen-Tracking, das übrigens in Zukunft als App angeboten wird, im Fall einer Ansteckung möglich. Es mag der Eindruck entstehen, dass die Coiffeure gut lobbyiert haben, im Endeffekt steckt aber eine klare Strategie und Logik des Bundes dahinter, die trotz massivem Wiederstand der ganzen Wirtschaft durchgezogen wird. Einzig bei der angekündigten Öffnung aller Bereiche der Grossverteiler, gegen die wir uns auch gewehrt haben, hat der Bundesrat Logik vermissen lassen. Hier ist er aber zurückgekrebst.

Ist der 11. Mai für Bijouterien und Goldschmiede ein guter Zeitpunkt für die Wiedereröffnung?

Das kann ich so pauschal nicht sagen. Uhren und Schmuck stehen bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten vermutlich noch nicht zuoberst auf der Einkaufsliste. In einer ersten Phase werden wir uns wohl Servicearbeiten wie dem Batteriewechsel oder Weitenänderungen an Ringen widmen. Bestimmt dürfen wir auch Pärchen im Stress mit ihrer Hochzeit unterstützen.

In welcher Form betreibt der Verband Lobbying?

Lobbying ist eine wichtige Verbandsarbeit. Als Beispiel erwähne ich die Vernehmlassung zum Geldwäscherei-Gesetz, an der wir uns zusammen mit der UBOS erfolgreich einbrachten. Die aktuelle Corona-Pandemie ist etwas anders gelagert: Der Bundesrat entscheidet aufgrund von Notstands-Massnahmen zum Schutz unseres Gesundheitswesens. Er hat seine Arbeit offensichtlich gut gemacht, die Spitäler waren nicht überlastet. Wir müssen nun der Arbeit der politischen Behörden weiter vertrauen, damit auch der Ausstieg aus dem Lockdown gelingt, das Schlimmste wäre ein zweiter Lockdown! Unterstützende und effiziente Arbeiten für unsere Mitglieder scheinen mir persönlich wichtiger als Medienpräsenz mit Forderungen, die zu unser aller Nachteil führen könnten.

Was erwarten Sie von der Zeit nach Corona?

Trotz meiner momentanen etwas hektischen Zeit hoffe ich persönlich, dass nicht alles wieder so hochgefahren wird wie es vorher war. Wir werden auch Gutes aus der Krise mitnehmen. Als Verbandspräsident erhalte ich viel positives Feedback von Mitgliedern, die unsere Arbeit und Unterstützung schätzen. Das motiviert uns weiterzumachen. Unter anderem arbeiten wir an einer Kommunikationsplattform und an Dienstleistungen, die unsere Branche beim Einstieg in die Nach-Corona-Zeit unterstützen sollen. Der schönste Erfolg ist, wenn wir Nichtmitglieder von unserer Arbeit überzeugen können und sie sich dem VSGU anschliessen. In guten Zeiten kommt man allein über die Runden. In schwierigen Zeiten hingegen zeigt sich, wie wichtig Solidarität ist. (twf)

www.vsgu-ashb.ch

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