In diesem besonderen Beitrag der Serie „Grund zum Feiern“ teilen vier Goldschmiedinnen ihre Erinnerungen an die 60 Jahre, die seit ihrem Lehranfang verstrichen sind. Es erzählen Regine Brandt-Erne, Ingrid Riva-Schulter, Barbara Schweizer und Marianne Schmidhauser-Schärrer.
Frühling 1966. Vier Teenager trafen sich zum ersten Mal im Schulzimmer von Kurt Aepli, dem Fachlehrer für Goldschmiede an der Lehrlingsabteilung der Kunstgewerbeschule Zürich. Dann bei den Lehrern Wälchli, von Greyerz und Koller in den Fächern Zeichnen, Modellieren und Allgemeinbildung.
Wir hatten das Glück, eine Lehrstelle als Goldschmiedinnen gefunden zu haben. Das war damals nicht selbstverständlich. Es hiess, der Beruf Goldschmiedin sei für Mädchen ungeeignet, weil sie diesen ohnehin nach der Lehre an den Nagel hängen würden, um sich um Ehemann und Kinder zu kümmern. Trotzdem bekamen wir eine Lehrstelle. Ich sogar ohne Schnupperlehre. Weil der Frühjahrsschulbeginn nahte und mein zukünftiger Lehrmeister fand, ich hätte schöne Französischhefte. Und allen Unkenrufen zum Trotz: Barbara Schweizer und ich arbeiten heute noch mit Leidenschaft am Feilnagel unserer Ateliers.

Die berufliche Karriere von Barbara Schweizer begann bei Peter Stäubli in Adliswil, die von Marianne Schmidhauser bei Kurt Altdorfer in Wetzikon. Ingrid Riva startete im väterlichen Betrieb in Thalwil und ich bei Karl Ott in Zürich. Als Lehrlingslohn wurden 40 Franken im ersten und 100 im vierten Lehrjahr abgemacht. Der Werkzeughändler Kurt Frei kam mit seinen Koffern
bei den Lehrmeistern vorbei und verkaufte uns das erste eigene Werkzeug, das wir bis heute benutzen.

40 Lernende aus Zürich
Wir waren rund 40 Lehrlinge in zwei Berufsschulklassen, mehr als die Hälfte davon Männer. Alle kamen aus dem Grossraum Zürich. Wir waren voller Enthusiasmus und voller Ideen. Das nordische Schmuckdesign war aktuell. Saubere klare Formen mit grosser Aussagekraft. Georg Jensen in Kopenhagen faszinierte uns. Ebenso das deutsche Haus Niessing, als der erste Spannring auf den Markt kam. Wir pilgerten zu den Schaufenstern des viel zu früh verstorbenen Goldschmieds Günther Wyss am Predigerplatz und bewunderten seine scharfkantigen, perfekt ausgeführten Stücke. Wir hatten Ambitionen und klare Vorstellungen von dem, was uns gefiel. Und wir hatten den Willen und die Ausdauer, unsere Visionen zu verwirklichen.
Schon bald nach der Lehre machten sich Barbara Schweizer und ich selbständig. Wir haben mehrere Lehrlinge ausgebildet, waren in der ERFA-Gruppe und als Expertin und Prüfungskommissionsmitglied tätig. Zusammen mit erfahrenen Fachleuten wie Gerhard Heinz, Franz Jucker, Wolfgang Gulde und weiteren haben wir den Reglementen für die überbetrieblichen Kurse viele freiwillige Arbeitsstunden gewidmet.

Ingrid Riva blieb zehn Jahre im väterlichen Betrieb, wo sie bald einen grossen Teil der Verantwortung übernahm. Dann machte sie sich selbstständig, bekam zwei Kinder und arbeitete von zuhause aus für andere Ateliers, bis sie 62 wurde. Daneben ging sie 29 Jahre lang einem Abendjob an einer Kinokasse nach.
Marianne Schmidhauser wechselte nach vielen Jahren an der Werkbank in den Edelsteinhandel der Firma Graf in Winterthur. Danach arbeitete sie mit viel Engagement für weitere 17 Jahre bei Meister Silber im Verkauf. Heute widmet sie sich neben ihren Enkeln mehrheitlich der Malerei.

Der Blick zurück
Wir vier haben uns in den vergangenen 60 Jahren immer wieder sporadisch getroffen. Und jetzt finden wir, 240 Jahre wären Grund zum Feiern. Und ein Grund, unsere Erinnerungen aufzuschreiben und den Gold’Or-Lesern vorzulegen. Was ist in diesen 60 Jahren in der Zürcher Goldschmiedewelt passiert?
Die Branche florierte in den 70ern und 80ern. Damals trug man beim Opernhausbesuch noch teuren, auffälligen Schmuck. Weihnachten war für kleine und grosse Ateliers der Höhepunkt der Saison, der uns Goldschmieden regelmässig Überstunden bescherte. Es gab viele individuelle Werkstätten mit mehreren Mitarbeitern. Es war einfach, eine neue Stelle zu finden. Wer in seinem Lebenslauf eine Arbeitsbestätigung von Binder, Trudel oder Baltensperger vorweisen konnte, hatte einen Vorteil.
Die Baselworld faszinierte uns. Sei es durch die perfekt gekleideten Italiener, die Gruppen von Asiaten oder durch den überschwänglichen Luxus von Diamanten, Farbsteinen und Perlen. Auch der Besuch der Uhrenpavillons mit den immer wieder umwerfenden Blumenarrangements war ein Muss. Den Höhepunkt bildete jeweils die Designerhalle. Beeindruckt standen wir vor den durchgestylten Präsentationsständen herausragender Schmuckgestalter wie zum Beispiel Carl Dau aus Berlin.

Tiefer Goldpreis
Der Goldpreis war in den 80ern und 90ern in erträglicher Höhe und erlaubte grosszügiges Arbeiten. Viele in- und ausländische Steinhändler waren mit neuen Stücken unterwegs. Diamantschliffe wie der Spiritsun oder der Context Cut kamen auf den Markt. Die ersten Tahiti-Colliers wurden zu horrenden Preisen verkauft. Die Süsswasserperlen aus China verdrängten die klassischen Akoya-Perlen und die wunderschönen japanischen Perlen aus dem Biwasee wurden bald zu Raritäten. Immer wieder wurden wir Goldschmiede zu grossen Wettbewerben eingeladen. Die Ausschreibungen kamen von De Beers, Tahiti-Pearls, der Platingilde und vom Schweizerischen Goldschmiedeverband. Beim Wettbewerb „Diamanten heute 83“ von De Beers erhielt ich für meine Herrenarmspange aus Weissgold mit einem gleitenden Diamantcarré von 0.70 Carat zwei Preise.
Der 1899 gegründete Goldschmiedeverband fusionierte im Jahr 1987 mit dem Zentralverband Schweizer Uhrmacher und wurde zum Zentralverband Schweizerische Goldschmiede- und Uhrenfachgeschäfte ZVSGU. Daraus entstand der heutige VSGU, der Verband Schweizer Goldschmiede- und Uhrenfachgeschäfte. Mit der Fusion ging der handwerkliche Touch ein wenig verloren und auch das Interesse einiger Mitglieder. Die im 19. Jahrhundert in Genf gegründete Usine Genevoise de Dégrossissage d’Or schloss Ende der 80er Jahre ihr legendäres Büro in Zürich.

Gyr Edelmetalle und Gold‘Or
Ein junges, innovatives Unternehmen übernahm den Edelmetallhandel für die Schmuckschaffenden. Die Firma Gyr mischte die Branche auf. Neue Produkte kamen auf den Markt. Die schnelle Auftragsabwicklung, das grosse Sortiment, die Dienstleistungen und den Service schätzen wir heute noch. Die Fachzeitschrift Gold’Or erschien 1995 zum ersten Mal.
1983 wurden die Semesterarbeiten von der ERFAGruppe Zürich ins Leben gerufen. Die Lernenden bekamen Gelegenheit, ihre Kreativität zu einem von der Gruppe gewählten Thema auszuleben. Die Arbeiten wurden an Vernissagen vorgestellt, die die Lernenden selbst organisierten. Wegen der starken Abnahme der Lehrlingszahlen wurde das Projekt nach 25 Jahren aus dem Programm genommen. Als Semesterarbeit stellte Renata Piros im Atelier von Barbara Schweizer ein Collier aus Silber und Plexiglas her, das auf Leder montiert war. 1988 erschien es auf der Titelseite der damaligen Schweizerischen Uhrmacher- und Goldschmiede-Zeitung des Verbands.
Dann kamen die Einführungskurse mit Mario Petrocchi und entlasteten die Lehrmeister. Sie sind zu einem festen Bestandteil des Ausbildungsprogramms geworden und werden heute ebenso geschätzt wie zu den Anfangszeiten.

Mut machen
Auch wenn heute der Goldpreis ins Unermessliche steigt, finden innovative Berufsleute immer wieder einen Ausweg. So propagieren wir im Moment besonders feinen Schmuck als Modetrend. Perlen und Schmucksteine, Stahl, Carbon, beschränkt auch Platin und Palladium, Edelhölzer, Kunststoffe und vieles mehr ermöglichen ständig neue Kreationen.
Wir zwei aktiven Schmuckgestalterinnen werden immer wieder gefragt, ob uns die Ideen nie ausgehen würden. Da gibt es nur ein klares Nein. Schmuck entwerfen und herstellen ist für uns eine Passion und hält uns fit und kreativ. Deshalb möchten wir allen jungen und zukünftigen Goldschmiedinnen und Goldschmieden Mut machen und ihnen versichern, dass sie sich für den schönsten Beruf entschieden haben.
Regine Brandt


