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Wars das?

Zugegeben, nachdem Nick Hayek Ende Juli 2018 – mitten im Sommerloch – via NZZ-Redaktion verkünden liess, künftig nicht mehr an der Baselworld ausstellen zu wollen, war es schwierig, noch einen oben drauf zu setzen. Trotz allem schien sich das Basler Schiff nach dieser Hayekschen Hiobsbotschaft in den Folgemonaten allmählich wieder etwas zu fangen. Nach dem Motto „Jetzt erst recht“ versuchte man Schritt für Schritt mit neuer Mannschaft unter der Führung des glaubwürdigen Schaffers Michel Loris-Melikoff wieder Kurs zu finden. Und man zählte dabei stets auch auf den wichtigen Sukkurs der beiden Genfer Uhrengiganten Rolex und Patek Philippe. In der Branche galt es gleichzeitig als ausgemacht, dass es nun nur noch des Abgangs von Rolex bedürfte, um der Basler Messe endgültig den Stecker zu ziehen. Dabei war auch klar, dass Rolex und Patek Philippe wohl nur im Doppelpack bleiben oder gehen würden …, und so ist es nun gekommen.

Michel Loris-Melikoff reagierte überrascht und enttäuscht auf den Entscheid der Genfer Marken. In einem Interview mit Tele Basel sprach er am 15. April von einem herben Schlag. Man müsse die entstandene Situation nun für sich selber, aber auch für alle anderen verbliebenen 560 Aussteller, die 2020 dabei gewesen wären, neu analysieren. Notabene die LVMH-Gruppe mit Hublot, Zenith und TAG Heuer ist bis dato ja ebenfalls noch dabei, wobei auch hier grundsätzlich ein Genfer Trend vorhanden sein dürfte. Davon auszugehen ist auch, dass wohl noch einmal ein vertrauliches Gespräch zwischen Nick Hayek und Michel Loris-Melikoff stattfinden wird. Die MCH Group will nächste Woche entscheiden, ob und wie es mit der Baselworld weitergehen soll.

2019 schien die Welt in Ordnung

Noch an der Pressekonferenz der Baselworld 2019 hatte man das Gefühl, dass die Baselworld mittelfristig auf den Support der beiden genannten Genfer Grössen zählen darf. Und auch das für 2020 kommunizierte Datum (Ende April/Anfang Mai) in Koordination mit dem Termin der SIHH alias Watches & Wonders schien das Genfer „Placet“ zu geniessen.

Was jetzt die Frage aufwirft, warum es seit März 2019 in den letzten zwölf Monaten zum Zerwürfnis der Kernmarken Rolex, Patek Philippe und Chopard mit der Baselworld-Messeleitung gekommen ist. Sieht man sich die Reaktionen der scheidenden Marken in der gemeinsam am 14. April publizierten Pressemitteilung an, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Erklärung von Patek-Philippe-Präsident Thierry Stern. Stern sagt, dass ihm die Entscheidung nicht leicht gefallen sei. Gleichzeitig betont er, dass Patek Philippe heute nicht mehr auf einer Linie sei mit der Vision der Baselworld und dass nach vielen Diskussionen und ungelösten Problemen das Vertrauen in die Messe nicht mehr gegeben sei. Zentral ist zudem Sterns Kritikpunkt, dass es nun eine Gesamtmesse brauche: „Die Besucher (die Detaillisten, Endkunden sowie die Presse) müssen die neuen Uhren der Schweizer Hersteller jedes Jahr an einem einzigen Zeitpunkt, an einem einzigen Ort und dies so professionell wie möglich entdecken können“, so Thierry Stern.

Nur noch Platz für eine Schweizer Messe

Damit ist das Grundlegende gesagt: Es braucht jetzt eine Gesamtmesse, an einem Ort und zu einem Zeitpunkt: was bedeutet, dass es offensichtlich nur noch für eine Schweizer Uhren- und Schmuckfachmesse Platz hat. Genau dies ist der Baselworld zum Verhängnis geworden: Die Grossen haben zwischen Basel und Genf entschieden. Dass der Entscheid zugunsten von Genf ausgefallen ist, liegt wohl daran, dass seit dem Abgang der Swatch Group der Schwerpunkt schlicht und einfach mehr in der westlichen Romandie lag.

Ob die Baselworld am 28. Februar 2020 vielleicht zusätzlich den entscheidenden Fehler gemacht hatte, vorschnell und anders als Genf bereits ein konkretes Datum für 2021 zu kommunizieren, das möglicherweise nicht mit allen Parteien im Detail abgesprochen war, bleibe dahingestellt. Wie hartnäckig die Basler Messeleitung dabei im Vorfeld den Kontakt zur Genfer Messeorganisatorin Fédération de la Haute Horlogerie (FHH) gesucht hatte, weiss man nicht. Dass man überhastet einen Januartermin gesetzt und kommuniziert hat, spricht dafür, dass man – wohl mangels einer konstruktiven Gesprächsbereitschaft seitens der FHH – vollendete Tatsachen schaffen wollte, um damit Raum zu schaffen für ein weiteres terminliches Zusammenspannen der beiden Messen: im Wissen, dass ein Februar- oder März-Termin wegen des Autosalons für Genf nicht möglich ist, und in der Annahme, dass ein April-Termin auch von Genf kaum noch ein weiteres Mal in Betracht gezogen würde, weil ja die Uhrenindustrie diesen späten Termin mehrheitlich kritisiert hatte. Genau diese Annahme hat sich nun aber als falsch herausgestellt!

Corona-Krise forcierend, aber nicht entscheidend

Sicher ist, dass auch die Corona-Krise das ihre dazu beigetragen hat, dass die Baselworld nun in den nächsten zwei Wochen ihre Austragung 2021 möglicherweise absagen und damit mit einiger Wahrscheinlichkeit auch ihr endgültiges Ende beschliessen wird. Wer die Vergangenheit der Baselworld der letzten fünfzehn Jahre auch nur annähernd kennt, wird allerdings wissen, dass das Grab nicht in den letzten zwei Jahren unter Michel Loris-Melikoff und dem erst seit einem Jahr als MCH-Group-Geschäftsführer fungierenden Bernd Stadlwieser geschaufelt worden ist, sondern in der Dekade vor ihnen. Die vor diesem Duo Zuständigen werden dies nur zu gut wissen.

Die finanziellen Querelen

Wie stark finanzielle Aspekte bei der Absage von Rolex & Co. mitgewirkt haben, ist schwer abschätzbar. Die Baselworld hatte bekanntlich vor zwei Wochen, am 3. April, die Aussteller darüber informiert, dass sie a) entweder 85% der für 2020 bezahlten Summe für die Januar-Austragung 2021 verwenden können (während die anderen 15% à fonds perdu bei der Baselworld verbleiben), oder b) sich jetzt 30% dieser Summe auszahlen lassen können, unter gleichzeitiger Anmeldung für die Baselworld 2021. Von den verbliebenen 70 Prozent würden 40 Prozent auf die nächste Austragung transferiert, während die restlichen 30 Prozent à fonds perdu an die Baselworld gehen. Die Variante c), dass man sich vorderhand gar nicht für 2021 anmelden will, wurde im Schreiben gar nicht genannt. Es ist davon auszugehen, dass die Aussteller in diesem Fall – wenn überhaupt – nur noch einen minimen Teil zurückerhalten (würden): ein Punkt, der jetzt genauer zu klären sein wird. Damit hängt auch zusammen, ob die Baselworld 2021 überhaupt noch stattfindet – notabene als verschobene Baselworld 2020 – oder gänzlich abgesagt wird. Ein Abbruch der Vorbereitungen für 2021 würde heissen, dass die Baselworld 2020 alternativlos abgesagt wäre, was zweifellos neue schadenersatztechnische Konstellationen aufwerfen würde.

„Schlicht und einfach das Ende”

Bekanntlich wurde der Ton am 7. April, nur wenige Tage nach dem Basler Angebot, in einem Brief des Schweizer Ausstellerkomitees an die Adresse der Baselworld, unter Führung von Hubert de Plessix, dem Rolex CIO und Präsidenten des Komitees, schärfer: Man forderte nichts weniger als die vollständige Zurückerstattung der für 2020 getätigten Kosten. Andernfalls, so das ultimative Argument, werde dies wohl schlicht und einfach das Ende der Basler Messe bedeuten („craignons nous que ce soit la fin pure et simple de Baselworld“ – so der Wortlaut im französischen Original). Neben der finanziellen Seite wurden zudem weitere Vorwürfe laut: Die Koordination mit Genf habe man in Basel ausgesetzt und auch das Januar-Datum sei längst nicht im Einklang mit allen Ausstellergruppen gewählt worden, notabene der Edelsteinsektor sei gar nicht konsultiert worden, obwohl gerade da im Januar grosse Terminkonflikte beständen.

Dass man seitens des Schweizer Ausstellerkomitees von der Baselworld am 7. April ein finanziell massives Entgegenkommen gefordert hatte, wirkt rückblickend aus zweierlei Gründen etwas fadenscheinig: Zum einen, weil sämtliche grossen Aussteller, die der Baselworld seit 2018 den Rücken gekehrt haben, Jahr für Jahr Unsummen nach Basel überwiesen hatten. Selbst 2013, als die Gigantomanie in Form des neuen Messetempels sowie mehrstöckiger, überaus quadratmeterreicher Ausstellerpaläste absurde Dimensionen angenommen hatte, waren die Grossen bereit, die astronomischen Preise zu bezahlen. Ausgerechnet jetzt, wo die Messe ihre Preispolitik im Vergleich zur Ära Kamm merklich nach unten modifiziert hat, hiess es nun, die Baselworld sei nach wie vor „arrogant“ und arbeite nicht im Interesse der Aussteller. So gesehen scheint es nicht plausibel, warum ausgerechnet jetzt das Finanzielle den Ausschlag gab, so wie dies im Schreiben vom 7. April herausgestrichen wurde. Zum anderen aber auch, weil nicht nachvollziehbar ist, dass man bereits eine Woche, nachdem man der Baselworld ein Ultimatum gestellt hatte, dieser bereits den Rücken zuwendet.

Das wirft die Grundfrage auf, was Rolex und Patek Philippe denn gemacht hätten, wenn die Baselworld auf ihre Forderung, die 2020er-Kosten vollumfänglich zurückzuzahlen, eingetreten wäre: wären sie dann 2021 weiterhin nach Basel gekommen? Wohl kaum. Was sogar den Schluss zulässt, dass man am Ende einfach noch versucht hatte, soviel Geld wie möglich aus einem Trümmerhaufen zu retten, zu dem man so oder so nicht zurückzukehren gedachte. So gesehen hat sich die Baselworld am Ende immerhin noch etwas Geld gesichert. Wohl zum letzten Mal.

Wie weiter in Genf?

Für die Branche kann die neue, für April 2021 geplante Genfer Messe einen Gewinn darstellen: Viele Experten hatten seit dem Abgang der Swatch Group aus Basel von Mitte 2018 ja bereits gefordert, dass es nun eine alleinige grosse Messe brauche. Diese wird es nun aller Voraussicht nach geben. In welcher Form der neue Anlass genau stattfinden wird, ist noch offen. Sicher ist, dass der Kern der bisherigen SIHH alias Watches & Wonders bestehen bleiben und durch viele neue Marken, darunter die fünf abtrünnigen Basler Marken, erweitert werden wird.

Aus Sicht der gesamten Branche stellt sich vor allem die Frage, ob auch kleine Marken und Hersteller am neuen Ort gute Geschäfte machen können. Und ob auch die anderen Branchenzweige, vor allem Schmuckhersteller und Edelsteinhändler, in sinnvoller Weise in die neue Messe mit eingebunden werden. Sollte es der neuen Genfer Messe gelingen, den Spagat zwischen Luxusbrands, Nischenmarken und dem „Brot und Butter“-Segment zu schaffen, und damit sozusagen zu einer „Genevaworld“ zu werden, wird sie zweifellos eine Bereicherung für die Branche darstellen und eine florierende Zukunft haben. Sollte es jedoch lediglich eine Messe für Produkte über 10’000 Franken werden beziehungsweise bleiben, wird der allgemeine Reiz für viele Fachleute zu klein sein. Und es droht ihr in diesem Fall ein Schicksal, das schon der SIHH mit dem Abgang von Kernmarken wie Richard Mille oder Audemars Piguet widerfahren ist, nämlich dass sich die Schweizer Top-Brands über kurz oder lang ganz vom Thema Fachmesse verabschieden könnten. In diesem Fall wäre der Schaden für die Schweizer Uhrenindustrie noch grösser als er jetzt schon ist. (mw)

 

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