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Vintageschmuck im Rampenlicht

Der Begriff Vintage ist in aller Munde. Für die einen handelt es sich um Objekte aus den 20er bis 60er Jahren, andere schreiben Vintagegegenstände eher den 40er bis 80er Jahren zu. Fragt man bei Experten nach, bekommt man ebenfalls verschiedene Antworten. Klar ist nur: Vintageschmuck liegt im Trend.

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Antikes Diamant-Set in Blütenform um 1900, besetzt mit Altschliff- Diamanten von 4.7 Carat, Ohrschmuck mit Stecker in Rotgold 585 und Silber. Schätzung 1000 bis 1500 Franken, verkauft bei Rapp-Auktionen für 5000 Franken.

„Vintage (aus dem Englischen für altmodisch, alt, klassisch oder aus einer bestimmten Zeit) bezeichnet bei Kleidung, Möbeln, Musikinstrumenten, Accessoires, Bildern, Fahrzeugen und anderen Gebrauchsgegenständen ein Erscheinungsbild, das wirkt, als sei der Gegenstand auf dem Flohmarkt gekauft oder vererbt worden.“ So jedenfalls steht es im deutschsprachigen Wikipedia. Eine Umfrage von Gold’Or hat ergeben, dass unter diesem Ausdruck Verschiedenes verstanden wird. Ob nun aus den 40er oder 80er Jahren, mit der Bezeichnung Vintage-Schmuck wird zwangsläufig Secondhand-Schmuck verbunden – und dieser Geschäftszweig boomt.

Eine plausible Erklärung dafür hat beispielsweise Claudia Andina von der Harry Hofmann AG in Zürich. Seit 1978 kauft und verkauft das Unternehmen Antik- und Vintageschmuck, Edelsteine und Diamanten. „Dass alte Schmuckstücke immer gefragter sind, hat sicher auch damit zu tun, dass Recycling, Wiederverwertung und Umweltbewusstsein in der heutigen Konsum- und Wegwerfgesellschaft an Bedeutung zunehmen“, sagt die Expertin. Viele seien bereit, ein altes Stück auffrischen zu lassen. Es müsse ja auch nicht sein, dass alles Alte eingeschmolzen und nur Neues getragen werde.

Zeitlos und hochwertig

Auch beim renommierten Auktionshaus Koller in Zürich freut man sich über die zunehmende Beliebtheit von Vintage-Schmuck. Die dafür zuständige Fachfrau heisst Carla Süssli. Sie verwendet den Begriff zwar nicht gerne, ordnet ihn eher der Kleidermode, Foulards, Accessoires oder bestenfalls noch dem Modeschmuck zu. „Ja, das Geschäft mit schönen, alten Schmuckstücken läuft gut“, bestätigt sie. „Stücke, die bei uns unter den Hammer kommen, sind zeitlos im Design, aufwendig verarbeitet und mit schönen Steinen besetzt. Es handelt sich generell um qualitativ hochwertige Arbeiten, die heute keine Selbstverständlichkeit mehr sind.“

Die Stücke der verschiedenen Epochen unterscheiden sich. Sie passten immer zur entsprechenden Mode, zum jeweiligen Lebensgefühl und den kulturellen Ereignissen. Während des Zweiten Weltkriegs beispielsweise entstanden viele opulente Broschen und Armbänder, die zu den Uniformen passten. „Die Schmuckstücke hatten grosse Goldoberflächen aber bei der Arbeit musste gespart werden“, erzählt Carla Süssli. In der Nachkriegszeit prägte der neu entdeckte Lebensmut die Mode und den Schmuck. Die Freude am Luxus der zukunftsgewandten 1960er Jahre hat einzigartige Schmuckstücke entstehen lassen, und die oft experimentellen und verspielten Designs der 70er und 80er Jahre faszinieren noch heute.

Neues Standbein

Das Auktionshaus Rapp in Wil hat Ende Mai zum zweiten Mal eine Uhren- und Schmuckauktion durchgeführt. Die Verantwortlichen durften sich über die Resultate freuen. Versteigert wurden Schmuckstücke aus den Epochen des Jugendstils (Anfang 20. Jh.), der Art-Déco-Strömung in den 20er und 30er Jahren sowie auserlesene Unikate bis hinein in die heutige Zeit. Teilweise wechselten sie den Besitzer mit dem vierfachen Betrag der Schätzung, die im Vorfeld gemacht wurde. Das Hauptgeschäft von Rapp stellen nach wie vor Auktionen mit Briefmarken und Münzen dar. Wie ist man denn auf alten Schmuck gekommen? „Ich liebe Schmuck und dachte mir, ein weiteres Standbein kann nicht schaden“, erklärt Geschäftsleiterin Marianne Rapp Ohmann.

Dass bereits die ersten beiden Uhren- und Schmuck-Auktionen so gut gelaufen sind, habe sie doch ziemlich erstaunt. Die Ostschweizerin ist überzeugt, dass dies vorwiegend den guten Geschäftsbeziehungen und dem vertrauenswürdigen Namen, den sich das international tätige Unternehmen in den bald 40 Jahren des Bestehens machen konnte, zuzuschreiben ist. „Als Neuling oder für jemand, der keine Erfahrung in diesem Geschäft hat, wäre das sicher nicht so einfach gewesen“, ist Marianne Rapp Ohmann überzeugt.

Der Funke muss springen

Régine Giroud ist ebenfalls eine gefragte Expertin für antiken Schmuck und Juwelen. Sie ist Diamantgutachterin GIA , Gemmologin und seit über zehn Jahren Präsidentin des Verbandes Schweizerischer Antiquare und Restauratoren (VSAR). Seit 35 Jahren führt sie ein Spezialgeschäft mit antikem Schmuck – die letzten 13 Jahre davon an der Adresse In Gassen, in der Zürcher Altstadt. Sie sagt, dass Unikate, die zwischen den 40er und 80er Jahren gefertigt worden sind, als Vintage-Schmuck bezeichnet werden. In ihrem Geschäft funkeln hauptsächlich antike Juwelen um die Wette, aber sie kauft auch ab und zu auserlesenen Vintage-Schmuck ein.

„Der Handel mit diesen Schmuckstücken ist ein komplexes Gebiet für Fachexperten“, sagt sie. Es gebe einige wenige Geschäfte und Goldschmiedeateliers, die eine Vitrine mit altem Schmuck hätten. Um damit erfolgreich zu sein, müsse man eine Passion dafür haben. Langjährige Erfahrung auf diesem Gebiet sei gefragt. Ausserdem müsse man sich mit dem jeweiligen Design der Stilepochen und den Berühmtheiten von damals auskennen. Heutige Stilikonen, Fans der Vintage-Mode und der Modeszene allgemein, interessierten sich auch für die Geschichte dieser Juwelen. „Durch die gemeinsame Freude und Hingabe an diesen exklusiven Schmuckstücken ergeben sich viele spannende Begegnungen mit einer internationalen Kundschaft. Oft springt der Funke über“, so Régine Giroud.

Bild: Schmetterlings-Brosche und Anhänger von Régine Giroud mit 24 Saphiren, 97 weissen und gelben Brillanten sowie 8 Diamanten, gefasst in Gelbgold 750, signiert von Meister Zürich.

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