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Von Luzern an die Glasgow School of Art

Nach ihrem Lehrabschluss hat die Luzerner Goldschmiedin Lellain Thalmann angefangen, Schmuckdesign zu studieren. Dafür ist sie im Herbst nach Schottland gezogen. Der Neubeginn im Ausland lässt sie manches mit neuen Augen sehen, nicht zuletzt die Ausbildung, die sie genossen hat.

Nach dem Gymnasium hat Lellain Thalmann einen gestalterischen Vorkurs an der Hochschule Luzern absolviert. Das war vor fünf Jahren. Letzten Sommer hat sie ihre Lehre als Goldschmiedin bei Marc Höllmüller am Luzerner Seehofquai abgeschlossen. Seit September lebt die 25-Jährige nun im schottischen Glasgow, wo sie das Bachelorstudium „Silversmithing and Jewellery Design“ absolviert. Die Wahl des Landes und der Hochschule sind nach ausgiebiger Recherche gefallen. Während ihrer Lehrzeit hat sie einen Kollegen besucht, der für ein Auslandssemester in Schottland war. Diese Reise hat sie auf die Idee gebracht, selbst im Ausland zu studieren. Auch der Studiengang XS Schmuck in Luzern wäre eine Option gewesen, wenn er nicht aus dem Programm gestrichen worden wäre. Deshalb hat sie sich gegen Ende ihrer Ausbildung über verschiedene Programme informiert und schliesslich einige der Schulen persönlich besucht, darunter die in den Städten Birmingham, Edinburgh und Glasgow. „Mir war wichtig, dass das Studium keine Wiederholung meiner Goldschmiedelehre ist, sondern neue Anstösse liefert. Das habe ich bei der Glasgow School of Art (GSA) so empfunden und mich beworben“, erklärt Lellain.

Ab dem zweiten Studienjahr bekommt jeder Student einen Arbeitsplatz im Atelier zugewiesen.

Neben Motivations- und Empfehlungsschreiben musste sie ein Sprachzertifikat erwerben, damit sie ein Visum bekommt. Obwohl der schottische Dialekt nicht leicht zu verstehen ist, fühlt Lellain sich in der englischen Sprache inzwischen sehr wohl. Das liegt neben der guten Vorbereitung vor allem an der Hilfsbereitschaft der Schotten. Immer wieder würden ihr die Einheimischen sogar danken, dass sie Englisch gelernt hat, erzählt sie. „Sie meinen, sonst könnten wir ja gar nicht miteinander sprechen. Ich habe immer wieder solche Begegnungen, weil man hier leichter mit Fremden ins Gespräch kommt als in der Schweiz.“

Projekte am laufenden Band

Lellains Stundenplan ändert sich regelmässig, nur zwei Kurse sind fix. Weil sie schon Vorkenntnisse hat, konnte sie im zweiten von vier Studienjahren einsteigen. In ihrer Klasse ist sie die einzige Goldschmiedin. Einige Mitstudenten haben gerade erst die Schule abgeschlossen, andere sind älter und blicken auf jahrelange Erfahrung in ihren Berufen zurück. Auch der Anteil an Nicht-Schotten ist hoch. Allen merke man an, dass sie das Designstudium aus eigenem Antrieb machen, denn obwohl es nur selten obligatorischen Präsenzunterricht gibt, seien fast immer alle im Uni-Atelier anwesend, wie Lellain erzählt. Eine grosse Rolle spielt der Austausch untereinander und mit den Dozenten. Besonders, wenn es um das Projekt geht, das alle zwei bis drei Wochen neu beginnt. Die Studenten bekommen eine Aufgabe, die sie weitgehend frei bearbeiten müssen – bis auf die regelmässigen Gespräche, bei denen neue Ideen Gestalt annehmen. Eine dieser Aufgaben war so offen gestellt, dass Lellain zuerst mit der Fülle an Möglichkeiten gekämpft hat, bevor sie sich für einen Weg entscheiden konnte: „Wir sollten einen Ring machen, das war alles. Natürlich mussten wir uns mit verschiedenen Optionen auseinandersetzen und den Designprozess dokumentieren. Ich habe lange in der Bibliothek und im Netz recherchiert und danach seitenweise Skizzen gezeichnet.“ Bei ihrer Recherche war sie auf Ringe gestossen, die ein Geheimfach haben. Lellain hat diese Idee aufgegriffen und etwas Neues daraus gemacht. Ihr Ring besteht aus quadratischen Metallplättchen, auf deren Innenseite Fotos von Freunden und Familie eingearbeitet sind. Will man das Geheimnis enthüllen, kann man den Ring am Verschluss öffnen, ihn wenden und die Bilder sichtbar um den Finger tragen.

Mit dieser Silberkette hat Lellain sich an der Glasgow School of Art beworben.

Für die Studenten ist dieser Prozess oft herausfordernd. Doch durch Recherche und häufiges Feedback werden sie sanft gezwungen, ihre kreative Komfortzone zu verlassen. Schon ein halbes Jahr nach Studienbeginn ist Lellain sicher, dass diese Strategie den Blick für den eigenen Stil, die eigene Form- und Designsprache schärft. „Manchmal ist es schwer, jede Idee bildlich festzuhalten, weil sich Vieles nur im Kopf abspielt, aber ich merke, dass ich immer offener werde und mich traue, Neues auszuprobieren.“

Die Schweizer Lehre in neuem Licht

Mit einigen Monaten Abstand lobt Lellain die Schweizer Goldschmiedelehre in den höchsten Tönen. Sie sei technisch „das Beste, was man machen kann“, geniesse auch im Ausland ein hohes Ansehen und würde ihr bei der Umsetzung der Designprojekte viele Türen öffnen. Andererseits komme die Kreativität in der Ausbildung etwas zu kurz, weil der Fokus auf technischer Genauigkeit liege. Lehrlingen wird der sparsame Umgang mit Materialien beigebracht, die Arbeitsprozesse bei Kundenaufträgen oder Serien sind meist klar strukturiert, sodass der Spielraum für eigene Ideen teilweise begrenzt ist.

Der Silberring mit offenem Verschluss und Fotos innen.

Schmunzelnd sagt Lellain: „Auch wenn ich das Designen noch lerne, klappt die Umsetzung einer Idee dank der Vorkenntnisse meistens gut.“ Die kreative Freiheit an der GSA helfe ihr, aus bekannten Mustern auszubrechen. Das gilt auch für andere Materialien. Im aktuellen Projekt experimentiert sie – gemäss Vorgabe – mit essbaren Substanzen und hat sich für Sonnenblumenkerne entschieden. Durch Kochen, Rösten, Einfrieren oder Mahlen ändern sich Materialeigenschaften wie die Farbe. Lellain will mit diesen unterschiedlichen Texturen und natürlichem Bindemittel ein Schmuckstück herstellen, vielleicht eine Armspange. Sonnenblumenkerne seien oft eine Zutat in Vogelfutter. Vielleicht könne das Schmuckstück Vögel anlocken, die dann Teil des Objekts werden. „Auf solche Ideen wäre ich ohne die Techniken im Studium nie gekommen.“ Mit jedem neuen Projekt lernt sie, eigene Inspiration zu finden und ihr eine Form zu geben.

Der Ring mit den versteckten Fotos.

Und wem würde die junge Goldschmiedin das Designstudium ans Herz legen? Eher jemandem, der die technischen Fähigkeiten schon mitbringt, meint Lellain. Ausserdem sei das Studium in seiner Offenheit zugleich fordernd. Selbstdisziplin müsse man unbedingt mitbringen, damit man die Chancen nutzt, statt nur das Minimum abzudecken. Die Erfahrung sei auch persönlich lohnend, denn seit Beginn ihres Auslandsaufenthalts sei sie selbstbewusster geworden, berichtet Lellain. Konzerte und Freizeitangebote wie Billard seien viel günstiger als in der Schweiz und an die häufigen Wetterwechsel habe sie sich inzwischen gewöhnt. Gold’Or wünscht ihr in den kommenden Semestern viele weitere kreative Entdeckungen.

Carina Andres

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