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Die Schriften von Pierre Leroy

1767 nahm der Pariser Uhrmacher Pierre Leroy seine Zeitmesser mit an Bord eines Schiffs für Frankreichs ersten auf dem Meer durchgeführten Test von Marinechronometern. In einem seltenen Schriftzeugnis berichtet Leroy von den Vorbereitungen für die Überfahrt.

Es ist bekannt, dass aus früheren Epochen überlieferte Geschichten manchmal lückenhaft sind. Die Entstehung der Zeitmessung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ist hier keine Ausnahme. In der Erzählung dieser bedeutenden Episode der Uhrengeschichte spielen einige Helden der Mechanik, deren Werk bis heute fasziniert, die Hauptrolle. An vorderster Stelle steht zweifellos der Engländer John Harrison, dem wir die Erfindung des Chronometers in seiner heutigen Form verdanken. Auf französischer Seite gebührt die Ehre Ferdinand Berthoud, der ursprünglich aus Neuenburg stammte und später in Paris wirkte. Er trug massgeblich zur präzisen Zeitmessung zwecks der Berechnung und Bestimmung der genauen Position auf See und an Land bei.

In dieser Geschichte der Zeitmessung verdient jedoch auch eine dritte Figur die Gunst der Öffentlichkeit, die oft nur am Rand erwähnt wird: Pierre Leroy aus der berühmten Uhrmacherfamilie Leroy, dessen Vater kein Geringerer war als Julien Leroy, der Hofuhrmacher unter Ludwig XV. Pierre Leroy war ein echter Pionier. Überzeugt von den Vorteilen freier Hemmungen, entwickelte er 1748 seine eigene Version der Chronometerhemmung. Seit dieser Zeit widmete er sich dem Problem der Längengradbestimmung. In den Jahren 1769 und 1773 gewannen seine Zeitmesser den Preis des von der Pariser Akademie der Wissenschaften ausgetragenen Wettbewerbs zur Überprüfung der Effizienz von Längengrad-Zeitmessern. Pierre Leroy war es auch, der in seinen Schriften in den 1760er Jahren den Begriff „Chronometer“ zur Bezeichnung seiner Maschinen verwendete.

Mit seinen Apparaten und seiner Forschungstätigkeit legte Pierre Leroy den technischen Grundstein für den modernen Chronometer: eine freie Hemmung, ein System zum thermischen Ausgleich der Unruh sowie den Isochronismus der Spiralfeder, die er als erster beschrieb und einsetzte. All diese Elemente finden sich mustergültig umgesetzt bei seiner Marineuhr S („Seconde“), die im Musée des Arts et Métiers in Paris aufbewahrt wird. Das Stück wurde 1764 der Akademie der Wissenschaften (Académie des Sciences) präsentiert und 1766 am Königshof vorgestellt. Ein Jahr darauf wurde sie zusammen mit einer bereits früher von Leroy hergestellten Uhr – dem sogenannten Modell A (für „Ancienne“) mit grösseren Abmessungen – auf See getestet. Es handelte sich um den ersten von der Akademie organisierten Test.

Die ersten französischen Versuche

Zwischen 1761 und 1762 wurde die berühmte Uhr H4 von John Harrison während mehrerer Monate auf einer Seereise zwischen Portsmouth in England und Kingston in Jamaika getestet. Johns Sohn William war mit an Bord, um die Reise der Uhr zu begleiten. Während der Expedition ermöglichte der Chronometer die Bestimmung der Längengrade mit einer Genauigkeit von einer Seemeile (rund zwei Kilometer). Nach diesem Erfolg entsandte Frankreich 1763 eine Experten-Delegation nach England, die aus Ferdinand Berthoud und einigen Wissenschaftlern bestand. Sie sollten die Funktionsweise von Harrisons Uhr verstehen. Drei Jahre später, 1766, reiste Berthoud in derselben Mission erneut nach London.

Als 1767 die Pariser Akademie der Wissenschaften ihren ersten Zeitmessversuch an Bord eines speziell für diesen Anlass gebauten und ausgerüsteten Schiffes – der Fregatte „Aurore“, finanziert vom Marquis de Courtanvaux – startete, waren die Schiffsuhren von Berthoud jedoch noch nicht bereit. Der Uhrmacher Jean Romilly schlug selbst eine Uhr vor, die jedoch von den Wissenschaftlern beschädigt wurde, weshalb ihr Gang nicht überprüft werden konnte. So waren es am Ende einzig die beiden Uhren von Pierre Leroy, die Ende Mai zu einer dreimonatigen Reise zwischen Le Havre und Amsterdam und zurück in See stachen. Dabei lieferten sie ausgezeichnete Ergebnisse: Die Uhr A wies eine Abweichung von vier Minuten und fünfzig Sekunden auf, während die Uhr S sogar lediglich um 15 Sekunden abwich.

Die Notizen von Pierre Leroy

Ein Grossteil der Quellen dieses Meilensteins der französischen Chronometrie findet sich in den Sammlungen der Bibliothèque Sainte-Geneviève in Paris (www.genovefa.bsg.univ-paris3.fr/s/corvette/page/sources). Das Dokument, das Aufschluss über den uhrmacherischen Kern dieses Abenteuers gibt, ist jedoch im Uhrenmuseum in La Chaux-de-Fonds (MIH) zu finden. Das Museum hat das Privileg, ein handgeschriebenes, in Leder gebundenes Heft im Format In-12 zu besitzen, das Pierre Leroys Notizen der Jahre 1767 und 1768 enthält.

Das Manuskript beginnt im Mai 1767, als Leroy Paris verliess, um seine Chronometer an Bord der „Aurore” zu bringen. Einen Monat lang beobachtete und verglich er ihren Gang und nahm bei Bedarf Korrekturen vor. Im September, nach der Rückkehr der Aurore und der Maschinen, setzte er seine Aufzeichnungen fort. Leroy bemühte sich, den Zustand der verschiedenen Mechanismen und die durch ihre Handhabung entstandenen Probleme zu bewerten. In den folgenden Monaten hielt er seine Überlegungen zum Pendel, zur Verbesserung der Aufhängungen und zu weiteren Punkten fest. Wie in den Erfahrungstagebüchern (Journaux d’expérience) von Ferdinand Berthoud lernt man Leroys gedankliche Entwicklung und die Art seiner Experimente kennen, die er zur Verbesserung seiner Zeitmesser durchführte. Leroy beschäftigte sich beispielsweise intensiv mit dem Einfluss und den Auswirkungen von Temperaturschwankungen.

Im zweiten Teil des Manuskripts widmet sich Leroy einem Vergleich seiner Chronometer mit dem H4 von John Harrison. Anders als Berthoud reiste er nicht nach England, sondern stützte seine Analyse auf die 1767 auf Englisch und Französisch veröffentlichten „Principles of Mr. Harrison’s Time-Keeper”. Das Ergebnis dieser Untersuchung erschien ein Jahr später in Buchform unter dem Titel „Exposé succinct de travaux de MM. Harrison et Leroy” (kurze Darstellung der Arbeiten Harrisons und Leroys).

Die A-S-Uhren von Pierre Leroy wurden 1769 an Bord der „Enjouée” und 1771/1772 an Bord der „Flore” erneut von der Akademie getestet. Auf der Flore befand sich auch die Längengraduhr Nr. 8 von Ferdinand Berthoud. Bei beiden Gelegenheiten gewannen die Chronometer von Leroy den von der Akademie der Wissenschaften gestifteten Preis.

Diese prestigeträchtigen Auszeichnungen reichten jedoch nicht aus, um Leroys Werk für die Nachwelt zu bewahren, abgesehen von vereinzelten Würdigungen einiger weniger Kenner. Das MIH besitzt eine handschriftliche Kopie einer Richtigstellung („Précis”), die Leroy 1773 – im Jahr der Publikation von Ferdinand Berthouds „Traité des horloges marines” – veröffentlichte, um der Öffentlichkeit klarzumachen, dass seine Arbeit und seine technischen Entdeckungen vor jenen seines Neuenburger Rivalen erfolgt waren. Trotz dieses Einwands war Berthouds Erfolgsweg geebnet. Leroy selbst zog sich noch im selben Jahr aufs Land zurück und beendete seine chronometrische Forschungstätigkeit.

Rossella Baldi

Die Spuren der Zeit
Im Jahr 2026 lädt die Serie „Die Spuren der Zeit” zu einem Streifzug durch die reichhaltigen Schweizer Kulturgutsammlungen ein. Entdeckt und vorgestellt werden seltene und der Öffentlichkeit wenig bekannte Dokumente, die besondere Aspekte des uhrmacherischen Knowhows des 18. Jahrhunderts veranschaulichen und in den Mittelpunkt rücken.

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