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Der Schleifer im stillen Kämmerlein

Mit 45 Jahren hat Martin Bänziger angefangen, das Edelsteinschleifen zu lernen. Sein Hobby pflegt das Gründungsmitglied der Facettierergilde auch im Pensionsalter – und nimmt bis heute erfolgreich an internationalen Wettbewerben teil.

Das Schleifen ist ein Teil von Martin Bänzigers Leben. Zu Berufszeiten war der Appenzeller als Sozialberater tätig. Er bekam mit, dass viele ältere Kollegen nach ihrer Pensionierung in ein Loch fielen, weil plötzlich die primäre Aufgabe fehlte. Um diesem Problem vorzubeugen, machte er sich auf die Suche nach einem Hobby, das in jungen wie fortgeschrittenen Jahren praktikabel wäre.

Sein Interesse an Edelsteinen führte ihn mit 45 Jahren in die Welt des Schleifens. „In den frühen Neunzigern konnte ich noch nicht im Internet nachgucken, welche Maschinen man braucht oder worauf man am Anfang achten muss“, erinnert sich Bänziger schmunzelnd. Er hat deshalb zunächst aus Büchern gelernt. 1994 konnte er seine Kenntnisse mit einem Facettierkurs bei Ruppenthal in Idar-Oberstein vertiefen. Wer heute mit dem Schleifen anfängt, dem empfiehlt Martin Bänziger – ja, trotz Internet – einen Kurs vor Ort. Schliesslich gehe es um ein Handwerk, und das lerne man am besten direkt von einem anderen Menschen.

Ein Amethyst, geschliffen als Eagle Eye.

Die Facettierergilde

Lange Jahre war Bänziger mit seinem Hobby allein im stillen Kämmerlein. Erst mit der Publikation seiner Webseite ergaben sich die ersten Kontakte zu anderen Schweizer Hobbyschleifern. 2016 entstand aus dieser Gruppe, die sich schon vorher regelmässig zu Stammtischen getroffen hatte, die Facettierergilde. Bänziger ist Gründungsmitglied des Vereins, der das Facettieren beliebter machen und die Fähigkeiten der Schleifer verbessern will. Durch den Austausch erfuhr Bänziger von Wettbewerben und fing an, selbst Steine einzuschicken. Bei der Annual Competition der Australian Facetor’s Guild, einem anspruchsvollen technischen Wettbewerb, hat er schon zweimal in Folge in der Gesamtwertung den ersten Platz belegt. Auch zum Zeitpunkt des Gesprächs liegt wieder ein Päckchen für den Versand nach Australien bereit. Über die Gewinner werden sich die Besucher der Gemworld am Stand der Facettierer informieren können. Dort waren im Vorjahr Bänzigers Gewinnersteine zu bewundern.

Aus diesem synthetischen Korund soll ebenfalls ein Auge werden.

Knappheit beim Rohmaterial

Früher war nicht alles besser. Als Hobbyschleifer war es aber bis vor einigen Jahren noch leichter, an qualitativ hochwertige Rohsteine zu kommen. Nun reisse der Markt in Fernost alles an sich, bedauert Martin Bänziger. Je weiter die Technik in allen Bereichen fortschreite, desto besser würden auch die Fälschungen. Quarze seien noch immer bezahlbar, bei Rubinen und Aquamarinen werde es zusehends eng. Trotzdem bleibt er seinem Hobby treu. Neben den Wettbewerben schleift Bänziger auch für Privatpersonen und vereinzelt für Goldschmiede. In ein Loch ist er bei seiner Pensionierung nicht gefallen. Dem Hobby sei es gedankt.

Carina Andres

Titelbild: Bänzigers Gewinnersteine beim australischen Schleifwettbewerb: Ein synthetischer blauer Spinell (98.11 Punkte), ein synthetischer roter Korund (100 Punkte) und zwei Cubic-Zirkonia (Marquise mit 98.49 Punkten, rund 97.72 Punkte).

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