Eine Uhr mit Propeller? Das gab es. Die Luftschraube war allerdings nicht zum Abheben gedacht, sondern für den automatischen Aufzug des Uhrwerks. Das Deutsche Uhrenmuseum in Furtwangen besitzt seit Kurzem ein seltenes Exemplar, das im späten 19. Jahrhundert in Belgien angefertigt wurde.
Vielleicht kennt mancher Leser Boy Lornsens Kinderbuch „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ von 1967. Das namensgebende Gefährt kann fliegen, auf dem Wasser schwimmen und wie ein Auto beim Fahren „tüüten“. Für die Flugfähigkeit ist es mit einem grossen Propeller ausgestattet. Eine solche Luftschraube hat auch die Uhr, die der belgische Uhrmacher Auguste Dardenne um 1881 gefertigt hat. Im Gegensatz zum Fliewatüüt läuft sie natürlich nicht mit Himbeersaft, sondern mit Windenergie.

Auf der Rückseite des Uhrwerks sitzt ein zylindrisches Gehäuse mit Propeller. Dieser Teil wurde vermutlich durch ein Loch in den Kamin gehängt, vor dem die Uhr stand. Die warme aufsteigende Luft konnte den Propeller antreiben, der über die zentrale Welle das Antriebsgewicht hochzog. War die Uhr einmal vollständig aufgezogen, drückte das Gewicht auf den Bremshebel, damit sie nicht weiter aufgezogen wurde. War das Gewicht ein bisschen abgelaufen, gab es die Bremse frei und wurde von neuem aufgezogen.

Diese Idee hat sich der Erfinder im August 1881 sogar patentieren lassen. Bestimmt hatte er grosse Hoffnungen für seine Erfindung. Doch es kam anders, die Technik konnte sich nicht durchsetzen. Dafür gibt es sicher zwei gute Gründe. Erstens kann man vermuten, dass die Uhr trotz einer Gangreserve von 24 Stunden nicht zuverlässig lief, weil auf den Luftstrom im Kamin nicht immer Verlass war, besonders in den warmen Monaten. Zweitens war die Zeitersparnis wohl gering. Man musste zwar das Uhrwerk nicht mehr manuell aufziehen, aber doch häufig die Zeiger richtig einstellen, weil die Uhren dieser Zeit häufig schon nach wenigen Tagen falsch gingen. Und so kommt es, dass Dardennes Patent für den automatischen Aufzug mit einem Propeller nach heutigem Wissensstand das einzige seiner Art ist.
Carina Andres


