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„Die Inhorgenta hat das Potenzial zu weiterem Wachstum“

Klaus Dittrich (67), Chef der Messe München GmbH, ist Ende Juni in den Ruhestand gegangen. Dittrich war seit 2002 für die Messe München tätig, zunächst als Geschäftsführer und seit 2010 als Vorsitzender der Geschäftsführung. Er verantwortete die Messen Bauma, Ispo Munich, Ispo Beijing, Ispo Shanghai, Outdoor by Ispo, Inhorgenta Munich, Expo Real sowie die Automobilmesse IAA, die er 2021 nach München geholt hat.

Gold’Or: Herr Dittrich, welche Gefühle gehen Ihnen eine Woche vor Ihrem letzten Arbeitstag durch den Kopf?

Klaus Dittrich: Es kommt ein neuer Abschnitt auf mich zu. Ich freue mich auf die Freiheit, selber entscheiden zu können, was ich mache und wieviel ich mache. Wenn man so lange mit so viel Herzblut mit dabei war, schwingt natürlich auch Wehmut mit. Aber je näher der Zeitpunkt kommt, desto besser gelingts mir.

Das heisst, dass Sie schon konkrete Zukunftspläne haben?

Ich hatte ehrlich gesagt nie Sorge, dass es mir langweilig wird. Zunächst mache ich erst einmal einige Monate Pause. Meine Frau und ich haben vor fünf Jahren ein kleines Châmbres d’hôtes in Cassis in Südfrankreich gekauft, das meine Frau bislang allein betrieben hat. Dort werde ich ab Juli mithelfen. Zudem möchte ich die Erfahrungen, die ich im Lauf meines Berufslebens gesammelt habe, in der einen oder anderen Form weitergeben. Und auch im Rahmen sozialer Projekte möchte ich mich engagieren.

Welche Bilanz ziehen Sie bezüglich Ihrer Ära bei der Messe München?

Seit der Eröffnung des neuen Messegeländes im Osten von München 1998 – das Ganze war ein Milliardeninvestment – haben wir jährliche Zuschüsse bekommen, um dieses zu refinanzieren. Als ich 2010 den Vorsitz der Geschäftsführung übernahm, wurde von unseren Gesellschaftern entschieden, dass die Zuschüsse in den folgenden zehn Jahre von insgesamt 180 auf 50 Millionen Euro gekürzt werden sollen. Entsprechend anspruchsvoll gestaltete sich mein Start. Gleichzeitig bin ich stolz und zufrieden, dass wir ab 2010 gar keine Zuschüsse mehr benötigt hatten.

Das heisst, Sie hinterlassen ein erfolgreiches Unternehmen?

Die Messe München GmbH ist seit 2010 profitabel und gehörte in den letzten Jahren international zu den erfolgreichsten Messegesellschaften. Wir sind weltweit auf Platz Fünf aufgestiegen. Und seit 2020 sogar auf Platz Vier. Gleichzeitig konnten wir unsere Aktivitäten stark erweitern. Wir sind nicht nur in China präsenter geworden, sondern auch in Indien, Südafrika und Brasilien. Auch digital haben wir unser Angebot ausgebaut. Und in München konnten wir 2018 das Messegelände mit der Eröffnung der letzten beiden Hallen erfolgreich vollenden.

Wie herausfordernd war die Pandemie?

Natürlich haben uns die letzten beiden Jahre stark zugesetzt. Wir haben rund 70 Prozent unseres vorherigen Umsatzes verloren, sprich rund 400 Millionen Euro. Das war eine schwere Krise. Aber wir haben uns vorgenommen, stärker aus der Krise herauszukommen als wir reingegangen sind, und das ist uns gut gelungen.

Wie bleiben Messen in Zukunft erfolgreich?

Entscheidend ist, dass man die Konzepte permanent weiterentwickelt. Das Geschäftsmodell, das nur auf der Vermietung von Quadratmeterfläche basiert, hat keine Zukunft. Messen müssen digital noch stärker erweitert werden. Ganzjahresplattformen sind entscheidend. Hier haben wir in der Pandemie mit mehr als 25 digitalen Plattformen viel investiert. Die Zukunft liegt darin, das Beste aus beiden Welten zu kombinieren. Die persönliche Begegnung auf den Messen bleibt unersetzbar, aber es braucht eine Erweiterung ins Digitale. Die digitale Reichweite ist zu einem entscheidenden Punkt geworden. Nehmen wir das Beispiel der IAA. Hier sind wir gemäss verschiedener Marktbeobachter 2021 im internationalen Umfeld hinter den Olympischen Spielen in Tokio und der Fussball-EM auf Rang 3 gelandet was die mediale Reichweite angeht. Das heisst, es gibt eine zweite Währung für Messeveranstaltungen. Eine Messe hat neben dem Geschehen vor Ort auch eine einmalige Chance, Botschaften an die Öffentlichkeit und den Endverbraucher abzusetzen.

Wie wichtig war es, die Automobilmesse IAA an die Isar zu bringen?

Dass es uns gelungen ist, die IAA nach Jahrzehnten in Frankfurt nach München zu holen, und diese im vergangenen September trotz Pandemie mit mehr als 400’000 Teilnehmern erfolgreich durchzuführen, war ein absoluter Höhepunkt. Ebenfalls erfreulich war es, dass wir die Outdoor nach 15 Jahren wieder aus Friedrichshafen nach München zurückholen konnten. Eine Innovation der IAA war es, dass sie nicht nur auf dem Messegelände stattfand. Wir konnten erstmals auch die schönsten Plätze in der Stadtmitte nutzen, um den Anlass näher zur breiten Bevölkerung zu bringen.

Kann das auch für die Inhorgenta interessant werden?

Absolut. Die Inhorgenta wird zwar weiterhin eine reine B-t-B-Messe bleiben, aber warum soll nicht auch während der Inhorgenta parallel in der Innenstadt ein Messegeschehen stattfinden für Endverbraucher, etwa in Zusammenarbeit mit Herstellern oder stationären Juwelieren. Wir haben solche Konzepte auch bei der Sportmesse Ispo erfolgreich durchgeführt, mit verschiedenen Veranstaltungen in der Innenstadt, bei denen man die Endbesucher aktiv begeistern konnte. Etwas Ähnliches ist auch für die Inhorgenta denkbar.

Welche weiteren Perspektiven sehen Sie für die Inhorgenta?

Die Inhorgenta hat sich in den letzten Jahren sehr gut entwickelt. Kunden, die nach Jahren wieder gekommen sind, zeigten sich erstaunt, wie professionell und hochqualitativ sich die Inhorgenta präsentiert. Auch mit dem Inhorgenta Award haben wir ein tolles Event entwickelt. Ich bin sicher, dass die Inhorgenta das Potenzial hat für weiteres Wachstum.

Was wünschen Sie Ihren Nachfolgern?

Es wird neu eine Doppelspitze geben, bestehend aus Dr. Reinhard Pfeiffer sowie Stefan Rummel, der die Verantwortung der Inhorgenta Munich übernimmt. Beide sind bereits Mitglieder der Geschäftsführung. Natürlich wünsche ich ihnen alles Glück, das es immer auch zum Erfolg braucht. Dann wünsche ich ihnen, den Weg weiterzugehen, den wir in den letzten Jahren beschritten. Wir befinden uns in herausfordernden Zeiten, entsprechend braucht es Flexibilität und ein gutes Management. Entscheidend ist es, generell noch näher an den Kunden heranzugehen. Das war in der Vergangenheit auch ein Erfolgsgeheimnis der Inhorgenta. Den Kunden zuhören, und die Anliegen einbringen und umsetzen, bleibt ein Schlüsselfaktor.

Herr Dittrich, Sie sind auch als Motorrad- und Bergsportfan bekannt. Haben Sie diesbezüglich schon Pläne?

Zwei Touren sind bereits geplant. Zum einen eine zehntägige Reise mit meiner Frau auf der NC 500, der Küstenstrasse in Nordschottland. Zuvor werde ich eine Tour machen über schöne Alpenpässe in Österreich, Italien und Deutschland. Auch mein Bergtraining möchte ich wieder intensivieren. Bevor ich 70 werde, habe ich mir den Mont Blanc vorgenommen, nachdem wir vor ein paar Jahren aufgrund eines Wetterumsturzes wenige 100 Meter vor dem Gipfel umkehren mussten. Auch der Dom und der Monte Rosa in der Schweiz stehen seit langem auf meiner Wunschliste.

Marcel Weder

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