Ella Stingelin hat ihre Lehre zur Goldschmiedin EFZ diesen Sommer abgeschlossen. Die 19-Jährige hat dabei nicht nur ein Atelier kennenlernt, sondern gleich drei. Wie funktioniert die Ausbildung im Verbund? Gold’Or hat mit der Absolventin und ihren Ausbildnern gesprochen.
Gold’Or: Ella, du hast dich für die Lehre zur Goldschmiedin entschieden. Wie kam es dazu?
Ella Stingelin: Ich habe schon als Kind viel gebastelt und war gerne kreativ. Nach einer Schnupperlehre in einem Goldschmiedebetrieb war ich mir sicher, dass der Beruf zu mir passt. Danach hatte ich auch das Glück, schnell eine Lehrstelle zu finden.
Wie sah deine typische Woche aus?
Ich war zwei Tage bei Düby Zinsstag, wo ich reguläre Kundenaufträge gemacht und Arbeiten im Atelier übernommen habe. Bei Anna Schmid war ich ebenfalls zwei Tage und habe mitgearbeitet. Den Tag bei Beat Lehmann habe ich mit technischen Übungen verbracht.
Hattest du an jedem Ort einen festen Arbeitsplatz?
Ja, der Arbeitsplatz war immer vorhanden. Mein eigenes Werkzeug hatte ich bei Düby Zinsstag und habe es bei Bedarf in die anderen Ateliers mitgebracht, wenn ich wusste, dass ich es für eine bestimmte Arbeit brauchen würde. Sonst konnte ich überall das Atelierwerkzeug benutzen, musste also wenig hin und her tragen.
Welche Vorteile hat die Ausbildung im Verbund?
Mir hat die Vielseitigkeit und grosse Abwechslung gefallen. Ich konnte mit unterschiedlichen Menschen – Kolleginnen wie Kunden – zusammenarbeiten und immer neue Aufgaben übernehmen. Dadurch, dass ich nicht 100 Prozent an einem Ort war, konnten sich meine Ausbildner umso besser Zeit für mich nehmen und mir über die Schulter schauen. Das habe ich geschätzt und ich denke, auch für sie war es ein Pluspunkt.
Sollten sich noch mehr Betriebe an dieses Ausbildungsmodell herantrauen?
Auf jeden Fall. Dadurch können mehr Lehrstellen geschaffen werden, die die einzelnen Betriebe aber weniger stark belasten. Ob man das Modell mit dem wechselnden Arbeitsort mag, ist eine Charakterfrage. Für mich war es genau das Richtige.
Wie geht es jetzt für dich weiter?
Ich trete eine 40-Prozent-Stelle bei Stefan Wendler in Arlesheim an. Parallel dazu mache ich meine Berufsmatur.
Dieses vierminütige Video stellt den Basler Verbund vor:
Das Fazit der Ausbildner
Beat Lehmann: „Dieses Modell ist ein Erfolgsrezept, das vielen nützen kann.“
„Dieses Modell ist ein Erfolgsrezept, das vielen nützen kann. Als Ausbildner konnte ich mich an dem Tag, an dem Ella bei mir war, intensiv ihrer Ausbildung widmen. Gleichzeitig brachte die Aufteilung des Pensums den Vorteil, dass sie in anderen Betrieben zusätzliche Erfahrungen sammeln und unterschiedliche Arbeitsweisen kennenlernen konnte. Diese Vielfalt erweitert den Horizont der Lernenden und bereichert auch die Lehrbetriebe. Entscheidend ist natürlich, dass die oder der Lernende Talent, Motivation und Interesse am Beruf mitbringt – und ebenso, dass die Zusammenarbeit menschlich gut funktioniert. Bei mir treffen wöchentlich Anfragen für Lehrstellen ein; das Interesse an unserem Beruf ist riesig. Leider können wir diesem Bedarf oft nicht gerecht werden, weil es zu wenige Ausbildungsbetriebe gibt. Dabei hat jede Goldschmiedin und jeder Goldschmied das Handwerk von erfahrenen Fachpersonen gelernt. Ich sehe uns alle in der Verantwortung, unser Wissen an die nächste Generation weiterzugeben, damit unser Beruf auch in Zukunft weiterlebt. Die gemeinsame Ausbildung ist dafür ein zukunftsweisender und wirkungsvoller Weg.“

Anna Schmid: „Wenn man gemeinsam ausbildet, senkt das die Hürde für den Einzelnen.“
„Wenn man gemeinsam ausbildet, senkt das die Hürde für den Einzelnen. Wir teilen die Verantwortung und es bleibt für jeden mehr freie Zeit im Atelier. Ich finde es toll, dass so mehr Lehrstellen geschaffen werden können. Auch die Zusammenarbeit mit den anderen Betrieben gefällt mir. Sonst sieht man sich doch eher als Konkurrenz, aber bei der Ausbildung im Verbund bewirkt man gemeinsam etwas Gutes. Für meine Mitarbeiterin war es überhaupt kein Problem, dass ich Ella in diesem Modell ausgebildet habe. Im Gegenteil, sie will sich zukünftig auch einbringen, wenn wir ab August wieder einen jungen Menschen ausbilden. Ich lege dieses richtungsweisende Modell allen ans Herz.“
Andi Düby: „Ich finde die rotierende Ausbildung super und glaube, dass das der Weg für die Zukunft ist.“
„Ella auszubilden hat mir grosse Freude gemacht. Auch die Dynamik zwischen ihr und dem Team und war toll. Ich finde die rotierende Ausbildung super und glaube, dass das der Weg für die Zukunft ist. Es könnten auch zwei Betriebe gemeinsam ausbilden, dann wird die Lernende noch stärker ins tägliche Geschehen eingebunden und kann besser mitarbeiten.“
Was ist die Ausbildung im Verbund?
Ein Lehrbetriebsverbund ist ein Zusammenschluss von mehreren Betrieben, die allein nicht ausbilden können oder wollen. Die Betriebe ergänzen sich mit ihren Tätigkeiten und können so den Lernenden eine umfassende Bildung in beruflicher Praxis bieten. Es gibt einen Leitbetrieb, der den Lehrvertrag abschliesst. Dank einem Rotationsprinzip können Lernende auch in spezialisierten oder besonders kleinen Betrieben ausgebildet werden, die nicht das ganze Spektrum des Berufs abbilden. In der Schweiz geht die Zahl der Goldschmiedelehrstellen seit Jahren zurück. Viele kleine Fachbetriebe haben keine Kapazität, einem jungen Menschen in Vollzeit das eigenen Wissen zu vermitteln. Hier können Kleinstverbünde aus zwei oder drei Ateliers Abhilfe schaffen: Die Lehrmeister werden hinsichtlich Zeit, Aufwand und Organisation entlastet, während die Lernenden von Einblicken in mehrere Betriebe profitieren. ca
Neugierigen Betrieben legt Gold’Or diese Checkliste des Kleinstberufe-Netzwerks ans Herz.
10 Schritte zum Lehrbetriebsverbund – Checkliste für Betriebe


