Das diesjährige Thema „Quand l’Horlogerie rencontre l’Intelligence Artificielle“ (Die Uhrenindustrie und KI) der Vortragsveranstaltung „Petits déjeuners horlogers“ der Schweizer Gesellschaft für Chronometrie (SSC) lockte eine Rekordzahl von Besuchern an: Rund 250 Mitglieder und Gäste kamen am 6. Mai nach Yverdon-les-Bains in die Hochschule für Wirtschaft und Ingenieurwissenschaften des Kantons Waadt (HEIG-VD).
Künstliche Intelligenz in der Uhrenindustrie, so das Thema der diesjährigen Matinée-Bildungsveranstaltung „Petits déjeuners horlogers“ der Société Suisse de Chronométrie (SSC). Das schillernde Thema, das erst so richtig angerollt zu sein scheint und dessen weitere Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und Berufswelt noch kaum abzuschätzen sind, fasziniert und beschäftigt auch die Gemüter der Uhrenindustrie. Die rekordhohe Teilnehmerzahl von rund 250 Besuchern am SSC-Anlass in Yverdon spricht Bände.
Dass KI in der Uhrenindustrie schon heute ihre Spuren hinterlassen hat, steht ausser Frage. Viel grösser dürfte jedoch die Frage sein, welche grundlegenden Veränderungen sie in den nächsten Jahren noch mit sich bringt. Nach einer Begrüssungsrede von Ana Maria Nogareda, der Direktorin der Hochschule HEIG-VD, erinnerte David Borel, Geschäftsführer des Swiss Center for Business & Technology Intelligence (SCBT-Centredoc) in Neuenburg in seinem Beitrag daran, dass künstliche Intelligenz nicht etwas gänzlich Neues ist, sondern ihre Wurzeln bereits in den 1950er Jahren hat. Die Möglichkeiten heutiger KI-Verfahren sind aber gleichwohl revolutionär, etwa im Bereich der Vorhersagen. Jedoch hängt der Erfolg oder Misserfolg KI-gestützter Analytik massgeblich von der im Vorfeld getroffenen Datenauswahl ab. Und letztlich brauche jedes Resultat die nachgelagerte Analyse des Menschen, so Borel; der nicht zuletzt auch daran erinnerte, dass Fragen des Energiekonsums und damit verbunden auch der Energiekosten bei der Verwendung von KI zentrale Aspekte bleiben.

Im zweiten Teil folgten zwei Fallstudien aus der Uhrenindustrie. Benjamin Delamare und Gilles Pellet von Audemars Piguet stellten ein internes Projekt vor. Im Kern ging es um die Aufarbeitung der hauseigenen Archivbeständen der letzten 150 Jahre, die typischerweise in Papierform oder digital vorliegen, etwa als Texte oder Bilder. Hierzu haben die internen Spezialisten ein eigenes RAG-System entwickelt (RAG=Retrieval-Augmented Generation), sprich eine Verbindung bestehender LLMs (LLM=Large Language Models, etwa GPT) mit den eigenen Archivdaten. Ergebnis des Projekts war die Etablierung eines internen Datenbank-Systems, das den Mitarbeitenden fortan als Auskunftsstelle dient. Zum Beispiel bei wiederkehrenden Fragen, was viel Zeit spart, und den immensen Informationsschatz des Unternehmens mit den Herausforderungen und Perspektiven aktueller Arbeitsprojekte verbindet.
Ein technisches Anwendungsbeispiel aus dem Kernbereich Uhrenfertigung präsentierten Lola Mortel (Jaeger-LeCoultre) und Joël Grognuz (Cadfem) anhand ihrer KI-unterstützten Analysen des Bewegungsablaufs des mehrachsigen Gyrotourbillons von Jaeger-LeCoultre, ein Tourbillon, der sich dreiachsig in allen Richtungen im Raum bewegt. Anhand verschiedener Beispiele konnten Mortel und Grognuz darlegen, welche Möglichkeiten sich entwicklungstechnisch bieten, etwa indem berechnet werden kann, in welchem Mass gewisse Teile verschleissen; oder bezüglich der Berechnung der Energieeffizienz bestimmter technischer Formen. Gerade auf diesem Feld dürfte die industrielle Uhrenfertigung mittels KI in Zukunft weitere Fortschritte machen, etwa im Bereich der Präzision und Gangabweichung, oder auch bei der Gangreserve.
Silicon Valley und die Schweiz
Valerio Rossetti vom SDSC (The Swiss Data Science Center), einer mit der ETH Zürich und Lausanne sowie dem PSI in Villigen verbundenen Forschungseinheit im Bereich Datenwissenschaft und KI, stellte Vor- und Nachteile des selber entwickelten, offenen LLM „Apertus“ vor, das im September 2025 lanciert worden ist. Verglichen wurde das Modell mit gängigen Lösungen aus China (DeepSeek) oder den USA, zum Beispiel ChatGPT von OpenAI. Gerade im Bereich der Transparenz oder bezüglich der Urheberrechte sei die Schweizer Lösung Apertus auf jeden Fall vorteilhaft und den dominierenden (amerikanischen) Modellen keineswegs unterlegen, so Rossetti. Allerdings sei gerade für industrielle Anwender bei Apertus der Faktor der Kosten aktuell noch zu hoch, was sich jedoch ändern könnte, wenn die allgemeine Akzeptanz steige.
Die weitere SSC-Agenda 2026
Weitere Veranstaltungen der SSC in diesem Jahr sind: die Generalversammlung, die am 25. Juni in der Genfer Uhrmacherschule (in Plan-les-Ouates) stattfindet (Anmeldung erforderlich); die Journée d’Etude 2026 am 29. September im SwissTech Convention Center in Lausanne; und schliesslich der Afterwork-Anlass am 4. November im Palais de l’Athenée in Genf. mw


