Die Emailkunst des 18. Jahrhunderts blühte auch abseits der grossen Zentren. Die Archive der Familie Benoît geben Einblick in ein Handwerk an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft.
Ende März hat die Schweiz die „Europäischen Tage des Kunsthandwerks“ gefeiert, an denen sich die Uhrenregionen Jura und Genf seit der erstmaligen Durchführung im Jahr 2022 rege beteiligt haben. Das ist kein Zufall, steht der Begriff des „Kunsthandwerks“ (métier d’art) doch seit Jahren im Mittelpunkt der hochwertigen Uhrenindustrie. Die Aufwertung von traditionellem Handwerk wie Gravur, Intarsientechnik, Emaillage oder Guillochage unterstreicht den künstlerischen und einzigartigen Charakter dieser manuellen Arbeitsschritte. Das Handwerk ist für die Marken zudem ein wirkungsvolles Instrument, mit dem sie Seltenheit, Authentizität und Legitimität ausdrücken können.
Die Email-Techniken spielen in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Sie sind traditionell eng mit der Geschichte der Genfer Uhrenherstellung verbunden. Die Handwerker der Calvin-Stadt, etwa die Familie Huaud, spezialisierten sich bereits im 17. Jahrhundert auf diese Fertigungskunst. Zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert verfeinerten sie ihre Techniken und verwandelten sie in eine echte Berufsgattung, die sie nicht nur bei Uhren anwendeten, sondern auch bei anderen Kunstobjekten wie Schnupftabakdosen, kleinen Parfümzerstäubern und bei Chatelaine-Anhängern.

Emaillage in den Neuenburger Bergen
Die hohe Qualität und Schönheit der Genfer Emailkunst ist unbestritten. Doch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde auch in den Neuenburger Bergen emailliert. In bemerkenswerter Weise entwickelte sich diese Kunst in Les Ponts-de-Martel, einem kleinen Dorf zwischen Le Locle und La Brévine. Man schätzt, dass die verschiedenen Ateliers der Gemeinde Anfang des 19. Jahrhunderts jährlich etwa 60’000 Email-Zifferblätter herstellten.
Der Aufschwung der Emaillierung in einem so abgelegenen Ort ist insbesondere den Mitgliedern der Familie Benoît zu verdanken: Louis Benoît senior (1732–1825) und Louis Benoît junior (1755–1830), beide gut ausgebildete und talentierte Handwerker, trugen massgeblich zum Ansehen der Neuenburger Emailkunst bei. Gegründet hat die Manufaktur Louis Benoît senior, der aufgrund seiner Funktionen in der örtlichen Miliz „Major Benoît“ genannt wurde. Ursprünglich für den Beruf des Federmachers ausgebildet, fand er seine Berufung in der Kunst der Emaillage. In den 1760er Jahren produzierte seine Werkstatt bis zu 80 Zifferblätter pro Woche, hauptsächlich für Taschenuhren, aber auch mit einigen Abstechern in den Bereich der Pendeluhren. Louis Benoît wurde vor allem für die Leuchtkraft seiner Farben bekannt, die unter anderem den Vorzug hatten, dass sie bei der gleichen Temperatur schmolzen. Insbesondere sein Schwarz und sein Purpur waren Markenzeichen; selbst seine Genfer Kollegen bezogen diese Farben bei ihm. Louis Benoît gab sein Wissen an seinen Sohn Louis weiter, der zuerst eine Ausbildung in Genf absolvierte, bevor er sich im Alter von zwanzig Jahren in den Bergen niederliess und mit seinem Vater zusammenarbeitete.

Die Geheimnisse der Familie Benoît
Die Familie Benoît hat uns ein weiteres aussergewöhnliches Zeugnis hinterlassen. Das Staatsarchiv von Neuenburg besitzt bis heute mehrere Hefte, in denen ihre Rezepte für die Farbmischung und die Brennverfahren detailliert beschrieben sind. Die Hefte sind sorgfältig verfasst und nummeriert und haben ein A5-ähnliches Format. Sie stammen aus den Jahren 1760–1830. Die von Benoît senior verfassten Hefte sind in Leder und Pergament gebunden, die seines Sohnes sind kartoniert. Die Sammlung umfasst zudem Hunderte, ja sogar Tausende von Papierskizzen und Vorlagen mit Mustern – mit Szenen und Ornamenten, die als Inspiration und Vorlage für die Verzierung von Gehäusen, Zifferblättern oder Chatelaine-Anhängern dienten. Einige dieser Papiere sind winzig klein, andere, grössere, stammen aus französischen Publikationen. Ergänzend zu diesem aussergewöhnlichen Bestand besitzt die Öffentliche Bibliothek von Neuenburg ein Kontenbuch aus dem Jahr 1793.
In diesem Manuskript finden sich auch Listen der bemalten Zifferblätter. Sie machen uns die Diskrepanz zwischen unserem heutigen Vokabular und dem damaligen bewusst, das bisweilen unverständlich bleibt: Während man die Bedeutung von Ausdrücken wie „Breguet-Zifferblatt“, „Kalenderzifferblatt“ oder „Bonnet-rouge-Zifferblätter“ (Zifferblätter revolutionistischer Uhren) heute noch kennt, ist heute nicht mehr bekannt, was mit „Zifferblatt im englischen Stil“ oder „Zifferblatt mit schwarzem Kreis“ gemeint war.
Die Begriffe und die Sprachformen der Ateliers spielen in den Manuskripten der Benoîts eine wichtige Rolle. Der Vater erfand damals ein eigenes Geheimalphabet, in dem er seine Rezepte notierte. Doch sein Sohn entschlüsselte die Symbole und hielt in seinem Notizbuch spöttisch fest, er habe weniger als zwei Stunden dafür gebraucht.
Die Dokumente der Familie Benoît zeugen von einem „Work in Progress“, geprägt von einem beharrlichen Streben nach Perfektion. Allein für das Rezept der Purpurfarbe, die Louis Benoît senior so sehr am Herzen lag, lassen sich Hunderte verschiedener Kombinationen nachweisen. Bei vielen davon bewertet der Handwerker das Endergebnis und vermerkt „Schön“ oder „Sehr schön“. So bewahren diese Hefte – die der Sohn übernimmt und mit seinen eigenen Beobachtungen versieht – die Erinnerung an die Arbeit der Werkstatt, die mit Stolz an die nachfolgenden Generationen von Handwerkern der Familie weitergegeben wird.

Email zwischen Kunst, Chemie und Naturgeschichte
Die Schriften führen uns zudem in eine Welt des gelehrten Handwerks ein, in der die Beherrschung der Technik allein nicht ausreicht, um den künstlerischen Ansprüchen der Benoîts gerecht zu werden. Ihr „Work in Progress“ basiert auf fundierten wissenschaftlichen Kenntnissen, die aus Abhandlungen über Chemie und Naturgeschichte stammen, auf die ihre Arbeitshefte Bezug nehmen. Die in Les Ponts-de-Martel praktizierte Emaillage ist deshalb eine Form der Wissenschaft an der Schnittstelle von mehreren Disziplinen.
Diese Sichtweise spiegelt sich in den botanischen Zeichnungen von Louis Benoît junior wider, die heute im Besitz der öffentlichen Bibliothek von Neuenburg sind. Während sein Vater ein Amateur-Ornithologe war, entwickelte sich Louis bereits während seiner Lehre in Genf zu einem begeisterten Botaniker. Die Wetterbedingungen in den Bergen erschwerten die Konservierung der Exemplare, weshalb er es vorzog, sie mit Gouache oder Aquarellfarben zu malen. Sein prächtiges gemaltes Herbarium besteht aus zwanzig Bildbänden, ergänzt durch Textbände.
Rossella Baldi



