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Nachgefragt bei Stefan Rüthy

Herausforderungen, die viele andere Goldschmiede mit technischen Hilfsmitteln lösen würden, packt der Berner Goldschmied besonders gerne mit den Händen an – auch wenn sich das finanziell oft nicht rechnet.

Stefan, was treibt dich am Morgen an, um ins Atelier zu gehen?

Das sind die Leidenschaft für unser schönes Handwerk und die Freude, den Kunden Freude zu bereiten.

Was steht auf deiner Werkbank, das für die Fertigung von Schmuckstücken nicht relevant ist?

Verschiedene Sachen wie beispielsweise der Unterkiefer einer Piranha, die ich in Brasilien selber aus dem Amazonas gefischt und gegessen habe. Jedes Mal, wenn ich das Gebiss sehe, habe ich wieder vor Augen, wie ich dort im Boot gesessen und die Delfine bestaunt habe. Das war eine der nachhaltigsten Reisen, die ich bisher unternommen habe. Zudem steht ein Kranich aus Japan auf meinem Arbeitstisch. Den kann man aus dünnen Holzteilen zusammenstecken. Dann ist da noch ein japanischer Geldsack mit einem Glöggli dran, damit die Geister wissen, wohin das Geld gehört.

Was gefällt dir am Goldschmiede-Handwerk am besten?

In erster Linie die Fingerfertigkeit, die diese uralte Tradition erfordert, aber auch die modernen Technologien, die uns immer mehr Möglichkeiten bieten. Ich habe immer noch gewisse Berührungsängste, bin aber fasziniert davon. Manchmal handle ich nach dem Motto: Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Das fertige Schmuckstück erzählt mehr Geschichten, wenn es den Hersteller so richtig gefordert hat.

Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

Ich orientiere mich gerne an der Renaissance, aber ganzheitlich gedacht. Damals haben die Goldschmiede alles selbst gemacht, vom Schmieden übers Giessen bis zum Emaillieren und Steine fassen. Sie waren Generalisten, spezialisiert hat man sich erst später. Ich arbeite gerne an komplizierten, verspielten Stücken, liebe es aber auch klar und reduziert, etwas, was mich auf meinen Japanreisen geprägt hat. Es muss nicht immer alles perfekt sein, man darf auch sehen, dass es sich um reine Handarbeit handelt. Die Japaner kennen beides: das extrem Perfekte, aber auch das Lebendige und weniger Sterile.

Engagierst du dich neben dem Geschäft in der Branche?

Ich habe ein kleines Pensum als Fachlehrer an der Berufsschule. Während 18 Schultagen pro Jahr unterrichte ich dort Zeichnen und Schmuckbetrachtung, was mit Kunstgeschichte zu tun hat. Ich mache auch in der Gruppe mit, die den neuen Bildungsplan ausarbeitet. Es ist enorm wichtig, dass die Jungen optimal ausgebildet werden. Zudem bin ich seit 17 Jahren Prüfungsexperte in Bern und bilde selber Goldschmiede aus.

Was kannst du besonders gut?

Kügeli löten – da ist man sofort bei den Etruskern (lacht). Im Ernst, diese Arbeit ist sehr meditativ, wenn ich Kügelchen verschweisse, bin ich voll konzentriert und es fühlt sich so an, wie wenn ich allein auf einer Insel wäre. Zudem kann ich mich mit viel Beharrlichkeit Arbeitsvorgängen widmen, die für andere keinen grossen Sinn machen. Ich weiss zwar, dass diese recht haben und rechnerisch nicht immer alles aufgeht, aber komplizierte Lösungen selbst zu finden, bringt mir eine grosse Befriedigung.

Was macht eine Person schön?

Wenn eine Kundin ein Schmuckstück abholt und beim Öffnen der Verpackung strahlt, so ist sie schön. Freude und sich verstanden fühlen, bedeuten glücklich sein und wer glücklich ist, strahlt von innen heraus.

Begleitet dich ein Lebensmotto?

Ja, aber es ist mir leider nicht immer im Bewusstsein: Ich arbeite daran, achtsam durchs Leben zu gehen und jedem Moment die volle Aufmerksamkeit zu schenken – denn niemand weiss, was morgen sein wird.

Zum Schluss darfst du noch wünschen, wen wir in dieser Serie als nächstes befragen sollen.

André Schweiger in Zug. Ich liebe seine Arbeiten und war schon mit ihm in der Jury der Golschmiede-Meisterschaften. Dort haben mich unter anderem die Argumente für seine Urteile beeindruckt.

Daniela Bellandi

Im April 1997 hat Stefan Rüthy das Geschäft vom Othmar Zschaler in Bern übernommen. 2014 hat er mit Alexandra Döme, die bei ihm als Goldschmiedin angestellt war, eine GmbH gegründet. Aus dem Arbeitsverhältnis ist ein Liebesverhältnis geworden, aber geheiratet haben die beiden bisher nur das Geschäft. Neben dem Inhaber-Paar arbeiten noch eine Goldschmiedin und zwei Lernende in der Goldschiede Rüthy. Der 55-Jährige ist gerne unterwegs. Sobald es wieder möglich ist, will er die Schmuckmesse in Hongkong besuchen und sich im Anschluss auf eine ausgedehnte Reise durch China begeben. Dieses Land gehört zu seinen jüngsten Entdeckungen. Um sich dort einfacher bewegen zu können und die Leute besser zu verstehen, lernt er seit zweieinhalb Jahren Mandarin.
www.ruethy.ch

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