Wie wurde im 18. Jahrhundert ein Uhrenunternehmen geführt? Die Register von Jaquet-Droz geben Einblicke in die damaligen Vorgehensweisen, die sich von heutigen in vielen Punkten unterscheiden.
Wie Gold oder der Schweizer Franken für die Nation Schweiz stellen Geschichte und Tradition sichere Werte für die Schweizer Uhrenindustrie dar. Eine der Besonderheiten der hiesigen Uhrenzunft besteht bekanntlich darin, die Wiederbelebung alter Häuser der Gründung neuer vorzuziehen. Entsprechend selten ist es, dass tatsächlich interessante neue Namen auf dem Markt erscheinen. Ist ein alter Name verfügbar, müssen jedoch weitere Voraussetzungen erfüllt sein, damit die Wiederbelebung gelingt: eine entsprechend reichhaltige Geschichte natürlich; sowie das Vorhandensein einer ausreichenden Anzahl alter mechanischer Uhren in öffentlichen und privaten Sammlungen, um daraus Legitimität und Inspiration zu schöpfen. Und schliesslich, im Idealfall, das Vorhandensein von Dokumenten, die Aufschluss über die Herstellung und den Vertrieb der Produkte der Marke geben.

Wertvolle Spuren
Doch gerade die Suche nach Dokumenten erweist sich häufig als schwierig. Der Mangel an Quellen hängt nicht unbedingt vom Alter der Marke ab, wie man vielleicht vermuten könnte. Infolge von Insolvenzen, Übernahmen oder der Einstellung ihrer Geschäftstätigkeit haben sich viele Unternehmen gerade des 20. Jahrhunderts bewusst ihrer Vergangenheit entledigt, indem sie ihre Korrespondenz, ihre Kataloge und ihre Register entsorgt haben. Infolgedessen bleiben diese meist für immer verschwunden.
Aber auch Spuren der Unternehmensführung von Uhrenmanufakturen oder -werkstätten aus dem 18. Jahrhundert sind selten – und daher sehr wertvoll. Es gibt einige berühmte Ausnahmen, wie beispielsweise die Archive der Häuser Vacheron Constantin oder Breguet, die in den Unternehmen selbst aufbewahrt werden. Weit weniger häufig stösst man dagegen auf Dokumente, die sich im öffentlichen Besitz befinden, wie beispielsweise die Akten der Genfer und Londoner Werkstätten von Jaquet-Droz, die dank ihrer mechanischen Figuren (den Androiden) weltweit zu veritablen Stars der Uhrmacherkunst aus der Zeit der Aufklärung avancierten.

Allerdings ist diese Sammlung, die sich auf das Stadtarchiv von Neuenburg (AVN) und die Bibliothek von Genf (BGE) verteilt, unvollständig. Das AVN verfügt über neunzehn Dokumente, darunter Rechnungsbücher, Inventare, eine Gesellschaftsvereinbarung und Korrespondenz. Sie beleuchten im Wesentlichen den Zeitraum von 1781 bis 1791, dem Todesjahr von Henry-Louis Jaquet-Droz, und bieten insbesondere Einblick in die Arbeitsweise des Londoner Ateliers von Jaquet-Droz, das unter der Leitung von Henry Maillardet stand. Die Buchführung des Unternehmens lag zu dieser Zeit bei Henry-Louis.
Der Bestand der BGE umfasst Dokumente von Jean-Frédéric Leschot, dem Geschäftspartner von Henry-Louis, der nach dessen Tod die Geschäftsführung und die Buchführung des Hauses übernommen hatte. Es handelt sich um zehn Bände, die weitere Geschäftsbücher, technische Notizen, Listen von Arbeitern und Subunternehmern sowie Briefe enthalten.

Musik und Buchhaltung
Was erfahren wir aus diesen Dokumenten? Eine Reihe von Dingen, die nicht selten überraschend sind, angefangen damit, dass im 18. und auch im folgenden Jahrhundert die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Bereich nicht immer so klar war wie heute. Die am Jahresende erstellten Betriebsinventare umfassten beispielsweise auch persönliche Besitztümer von Henry-Louis, wie Wäsche, Silberwaren und Musikinstrumente; Musik bildete zwar ein zentrales Element der Automaten von Jaquet-Droz, gleichzeitig war sie aber auch eine grosse private Leidenschaft des versierten Mechanikers. Das Gleiche galt auch für die Buchhaltung, in der man gelegentlich Einträge zu privaten Transaktionen fand.

Auch das Verwischen von Spuren war zu dieser Zeit durchaus üblich, zumal die Buchhaltungspraktiken noch von den individuellen Methoden jedes Einzelnen oder jeder Werkstatt abhingen. Henry-Louis Jaquet-Droz kümmerte sich sorgfältig um die Buchhaltung, beherrschte jedoch die doppelte Buchführung nicht. Das zeigt, dass mechanisches Talent allein nicht ausreicht, damit aus einem versierten Uhrmacher auch ein guter Unternehmer wird. Erst als sein Partner Leschot die Geschäfte des Hauses übernahm, nahm die Buchführung, die nun teilweise an Sekretäre oder andere Fachleute delegiert wurde, ein professionelles Niveau an.

Dank der Archive von Jaquet-Droz können wir Bestellungen und Verkäufe, einige Reparaturen sowie getätigte Zahlungen und Zahlungseingänge nachvollziehen. Die Erfassung dieser Vorgänge erfolgte täglich und chronologisch, doch die Buchhaltung des 18. Jahrhunderts zeigt uns, dass die Zeiträume der einzelnen Handelsgeschäfte weitaus länger waren als die unseren. Das Einziehen bestimmter Geldbeträge konnte in manchen Fällen Jahre dauern. Daher musste diese handschriftlich geführte Buchhaltung Strategien entwickeln, um die komplexe Logistik zu bewältigen, bei der sich die einzelnen Zeitabläufe oft überlappten.

Internationale Netzwerke
Was die Komplexität betrifft, so heben die Register von Jaquet-Droz besonders die Verzweigtheit der Produktions- und Vertriebsnetzwerke hervor, die sich über ganz Europa inklusive England erstreckten. Bereits im 18. Jahrhundert umfassten diese Netzwerke Hunderte von Beteiligten, darunter Arbeitskräfte, Subunternehmer, Handelsvertreter, Bankiers, Schiffskapitäne und so weiter. Es war ein wahrer Balanceakt, all dies übersichtlich zu Papier zu bringen.

Bedauerlich ist der Verlust zahlreicher Auftragsbücher der Marke, die sicherlich weitere Details zu verschiedenen spezialisierten Handwerkern geliefert hätten, denen wir die Herstellung der Luxusobjekte jener Zeit verdanken. Gleichzeitig hätten sie uns auch Aufschluss über die Kosten einer einzelnen Produktion gegeben. Im Wissen, dass die Verkaufsmargen mit 35 Prozent deutlich geringer waren als die heutigen.
Rossella Baldi


