Elf Uhren. Zwei Jahre Arbeit. Und unzählige Stunden zwischen Feile, Zahnrädern und Bündner Bergen: Mit der Mapel II hat Mario Scarpatetti in Parsonz eine mechanische Uhr für Menschen erschaffen, die Zeit nicht nur messen, sondern erleben wollen.
Begonnen hat alles mit einer Idee, die sich langsam formte. Irgendwo zwischen Werkbank, Metallspänen und dem Blick hinaus auf die Bündner Berge. In Mario Scarpatettis Atelier in Parsonz ist mit Geduld, Präzision und Hingabe etwas entstanden, das mehr sein will als ein blosser Zeitmesser. Der Uhrmacher hat bei der Mapel II beinahe jedes Teil von Hand gefertigt: in mehr als zwei Jahren.
Als 2023 die erste Version der Mapel erschien, waren es neun Exemplare. Rund zwei Jahre später folgte mit der Mapel II die Weiterentwicklung. Technischer, aufwendiger und persönlicher. Im Zentrum steht der 34-jährige Uhrmacher selbst. Scarpatetti ist kein Industriemanager und kein Designer eines Luxuskonzerns. Er arbeitet allein in seiner Werkstatt, wo normalerweise Revisionen und Reparaturen alter Uhren den Alltag bestimmen. Genau deshalb bedeutet ihm die Mapel II so viel. „Die zweite Version hat viel mehr Mechanik drin“, sagt er. „Ich habe viel mehr Teile selbst produziert und entwickelt. Das macht umso mehr Spass. Auch wenn es doppelt so viel Zeit gebraucht hat.“

Zeit erleben und fertigen
Die Mapel II will keine klassische Uhr sein. Kein traditionelles Zifferblatt, keine gewöhnlichen Zeiger. Stattdessen bewegt sich ein Stern über das Zifferblatt und übernimmt die Zeitanzeige. Genau das polarisiert. „Die Uhr ist keine klassische Uhr mit Zeigern. Das gefällt vielleicht nicht jedem. Aber wir wollten genau das: etwas Exklusives“, so Scarpatetti. Nur um die Zeit abzulesen, brauche heute niemand mehr eine mechanische Uhr, betont er. Die Mapel II richtet sich an Liebhaber, die Handarbeit, Mechanik und Individualität schätzen. Und die verstehen, wie viel Arbeit in jedem einzelnen Teil steckt. Elf Exemplare sind insgesamt entstanden. Jede Uhr besteht aus rund hundert handgefertigten Komponenten. Viele davon sägt, feilt und bearbeitet Scarpatetti selbst. Oft bis an die Grenzen des Machbaren.
Besonders herausfordernd war die Entwicklung filigraner Einzelteile. Immer wieder musste Scarpatetti Materialien testen, verwerfen und neu beginnen: „Manchmal war etwas eigentlich fertig, und dann merkte ich plötzlich: Es funktioniert gar nicht so, wie ich wollte.“ Besonders heikel sei ein winziges Federteil gewesen: Nur 0,2 Millimeter dünn und von Hand gefeilt. „Ein falscher Druckmoment genügte, und die Arbeit von Stunden zerbrach“, so Scarpatetti. Der Uhrmacher erinnerte sich in solchen Momenten an einen Satz seines Berufsschullehrers: Wenn etwas kaputtgeht: Sich kurz ärgern und weitermachen. Vielleicht beschreibt genau das seine Arbeit am besten: Beharrlichkeit, Geduld, und die Bereitschaft, immer wieder von vorne anzufangen.

Der magische Moment
Der schönste Augenblick kam ganz am Schluss. Als die erste Mapel II vollständig montiert war, zog Scarpatetti sie zum ersten Mal auf, stellte die Zeit ein und testete die Wasserdichtigkeit. Alles funktionierte. „Das war ein unglaublicher Moment. Monatelang arbeitet man darauf hin. Ob am Ende wirklich alles funktioniert, weiss man aber erst ganz zuletzt.“ Wenn Scarpatetti die Uhr heute ansieht, sieht er nicht nur das fertige Produkt, sondern denkt auch an all die schwierigen Phasen. An Teile, die nicht funktionierten. An Nächte voller Zweifel. Und an die Freude, etwas geschaffen zu haben, das weit über seinen normalen Berufsalltag hinausgeht.
Die Mapel II trägt auch sichtbar Scarpatettis Herkunft in sich. Auf der Krone ist der Piz Mitgel eingraviert, jener Berg, direkt vor seiner Werkstatt. Als die Gestaltung der Uhr entstand, wollte er einen Berg aus seiner Region integrieren. So wurde der Piz Mitgel ein Teil der Geschichte. Knapp 20’000 Franken kostet eine Mapel II. Für manche sei das unverständlich. Für andere sei es genau der Preis echter Handarbeit. Der Uhrmacher versteht beide Sichtweisen. „Die einen sehen ein übertriebenes Luxusgut“, sagt er. „Andere schätzen die Handarbeit und verstehen, wie lange so etwas dauert.“ pd


